Bäume, Bäume, nichts als Bäume. Links der Straße, rechts der Straße. Vom Talboden bis hoch hinauf zu den felsigen Kuppen. Wüsste ich nicht, dass ich gerade von Herbetswil nach Welschenrohr fahre, ich wäre mir sicher: Das ist Kanada! Am Himmel kreisen Rotmilane, mit Glück könnte ich auch den Adler sehen, der seit einigen Jahren im Neuenburger Jura brütet und seine Runden bis hierher dreht. Wild kommt mir diese Landschaft vor. Und ziemlich wild ist sie auch – ganz offiziell.

In diesem Frühling erschien das erste Wildnis-Inventar der Schweiz. Im Auftrag von Mountain Wilderness hat die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) nach naturnahen, abgeschiedenen, unberührten und topografisch rauen Orten gesucht. Ihr Fazit: Die Schweiz besteht zu 17 Prozent aus Wildnis. Wilder sind in Mitteleuropa nur noch Nordskandinavien und Island.

Die größten wilden Gebiete befinden sich hierzulande im Hochgebirge. Rund um die großen Eismassen des Aletsch-, Trift- und Rhonegletschers sowie die 4000er im südlichen Wallis.

Aber Wildnis gibt es auch nur ein paar wenige Kilometer vom überbauten Mittelland entfernt. Im Jura. In Welschenrohr.

Eine schmale Straße führt zum Hof von Benjamin Brunner am Rande des Dorfes. Auch hier herrscht Outback-Feeling. Wollsäue liegen an der Sonne, auf den Matten stehen Bäume, dazwischen grasen Mutterkühe mit ihren Jungen. "Ich bin der Beny", sagt der Bauer, reicht mir die Hand, bittet in die Küche, schenkt Kaffee ein und sagt in feierlichem Ton: "Wenn alles gut läuft, kommt hier im nächsten Sommer erstmals nach 1000 Jahren wieder ein Wisent zur Welt."

Der Wisent, der europäische Bison, ist das größte noch existierende Wildtier Europas. Die Bullen wiegen bis zu einer Tonne, die Kühe halb so viel. Der Wisent war hierzulande heimisch und wurde, wie fast überall in Europa, bereits im Mittelalter ausgerottet. Dank jagdfreudiger Adliger überlebten ein paar Tiere in einem geschützten Gebiet im Grenzraum zwischen Polen und Weißrussland. Seit den 1950er Jahren gibt es dort, im Nationalpark Białowieża wieder frei lebende Herden. 2013 wurde eine im Rothaargebirge in Nordrhein-Westfalen ausgewildert.

Wenn das passiert, was sich Bauer Brunner vorstellt, ziehen die Wisente, ein Bulle, eine Leitkuh und zwei, drei weibliche Junge, noch in diesem Jahr bei ihm ein. Ihr Revier werden Weiden sein und ein angrenzendes Waldstück, das ihm die Bürgergemeinde Solothurn zur Verfügung gestellt hat. In den ersten fünf Jahren wäre die Herde eingezäunt, vom Bauern überwacht und von Wissenschaftlern begleitet, die herausfinden wollen, ob und wie sich Wald, Feld und Flur verändern, wenn das Wildtier zurück ist. Benimmt er sich so friedlich, scheu und träge, wie ihm nachgesagt wird, richtet er also keine Schäden an und greift weder Mensch noch Tier an, wie die Kritiker fürchten, soll der Wisent eines Tages wieder frei im Jura umherziehen können. Platz genug gäbe es an der Nordflanke des Weissensteins, des größten Waldes der Region.

Wild ist die Schweiz vor allem im Wallis und im Tessin

© ZEIT-Grafik

Der Wildtierbiologe Darius Weber ist einer der Initiatoren des Wisent-Projektes. Auch er sitzt an Brunners Küchentisch und erzählt, wie er jahrelang durch die Schweiz reiste, Vorträge hielt und bei Bauern und Behörden vorstellig wurde, bis er in Welschenrohr Verbündete fand, die das Projekt inzwischen übernommen haben. Weber bleibt ihnen als Berater verbunden und ist heute auf die Sollmatt gereist, um Fotofallen zu leeren, die für ein Forschungsprojekt benötigt werden.

Für ihn wäre die Wiederansiedlung des Wisents das Happy End einer Geschichte, die vor über 100 Jahren begann: die der Rückkehr der Wildtiere in die Schweiz.

Auch Steinbock, Biber, Luchs und Bartgeier waren einst ausgerottet und wurden mithilfe des Menschen zurück ins Land geholt. Andere kamen ungefragt: erst der Rothirsch und das Wildschwein, später der Bär, schließlich der Wolf.

Und nun also der Wisent. Brunner und Weber haben auf fast alle Fragen eine Antwort. Welcher Tierarzt aus dem Zoo Zürich hilft, falls ein Wisent einmal ernsthaft erkrankt. Wie die Halsbänder selbst gefertigt werden, falls keine handelsüblichen Exemplare zu finden sind, die um die dicken Hälse der Wisente passen. Welche Versicherung allfällige Schäden decken würde. Nur bei einer Frage werden die beiden Männer, beide 62 Jahre alt, der eine ein kräftiger Bauer, der andere ein drahtiger Wissenschaftler, wortkarg, gar verlegen: Warum soll der Wisent zurück in die Schweiz kommen?

Beny Brunner sagt: "Weil mich das Feuer gepackt hat." Darius Weber sagt: "Weil er zu uns gehört." Nein, es gebe keine ökologischen und auch keine ökonomischen Gründe, sondern nur emotionale. "Fast alle Wildtiere sind zurück, nur das größte fehlt." Und er schiebt nach: "Ich würde das einfach gerne noch erleben."