Was passiert, wenn man spricht – Seite 1

"Die katholische Kirche halte ich für eine Lügenfabrik"

Der Tenor Thomas Kiessling ging mit seinem Fall an die Öffentlichkeit. Dafür bekam er viel Beifall.

Gelegentlich werde ich gefragt, warum ich mich als Missbrauchsopfer geoutet habe. Dieses Wort gefällt mir gar nicht: outen. Denn es bedeutet, dass man öffentlich eine Peinlichkeit zugibt. Der Missbrauch ist aber nur peinlich für den Täter. Ich bin das Opfer und sehe den Schritt in die Öffentlichkeit als Akt der Gerechtigkeit.

Meine Frau, die bei der Staatsanwaltschaft arbeitet, hat mich in dieser Sicht bestärkt. Deshalb meldete ich mich auch sofort, als im Jahr 2013 Betroffene für den Beirat der MHG-Studie gesucht wurden (eine von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Langzeituntersuchung zum sexuellen Missbrauch an Minderjährigen, die im Herbst 2018 erschien, d. Red. ). Ich dachte: Das ist eine einmalige Gelegenheit!

Dass ich als Kind von einem Benediktinerpater der Trierer Abtei Sankt Matthias missbraucht worden bin, wusste lange Zeit nur meine Frau. Und natürlich wussten es meine Therapeuten, die mich jahrelang begleiteten. Die Wahrheit kam erstmals heraus, als ich 22 Jahre alt war, bei einer Nullachtfünfzehn-Gesprächstherapie. Vorher war mir nicht bewusst, wie sehr mich der Missbrauch belastete. Er schlummerte im Untergrund, und eine sehr gute Psychologin hat das erkannt und herausgearbeitet.

Wir sprechen hier übrigens von der Penetration eines kleinen Jungen zwischen seinem sechsten und achten Lebensjahr. Wenn du das erste Mal missbraucht wirst, verstehst du gar nicht, was dir geschieht. Ich bin Jahrgang 1962, den Täter anzuzeigen, wagte ich erst 2010. Wegen der Verjährungsfristen wurden die Ermittlungen zwar eingestellt, aber das Bistum Trier leistete 2011 eine Anerkennungszahlung, zumal derselbe Täter mindestens vier weitere Kinder missbraucht hatte.

Schlimm war meine Befragung durch die Kirche. Ich musste im Kloster bei einem Abt, der im vollen Ornat dasaß, über Stunden erzählen, was passiert ist. Gott sei Dank war ich da schon austherapiert. Es hat den Löwen in mir geweckt, dass der Abt betonte, was für eine gute Gemeinde wir trotz allem waren. Heute kann er mir nicht mehr in die Augen sehen. Immer wenn ich mit den Rotariern zum Fastengespräch zu ihm gehe, habe ich das Gefühl, die Begegnung ist ihm unangenehm.

Das ist das Gute an der Aufarbeitung: Ich bin stärker rausgekommen, als ich reingegangen bin. Ich lasse mich nicht mehr einschüchtern und manipulieren. Heute will ich, dass die Menschheit die Wahrheit erfährt. Menschheit heißt für mich zunächst mal mein Umfeld. Seit ich 2010 anfing, mit Freunden über den Missbrauch zu sprechen, bekomme ich nur positive Reaktionen. Nachdem mein Fall in der Zeitung stand, meldeten sich Männer aus meiner Gemeinde, die ein Jahr älter sind als ich, und sagten, sie hätten das damals gewusst mit dem Pater, und entschuldigten sich für ihr Schweigen. Sie fühlten sich schuldig. Für mich trägt die Schuld aber allein der Täter.

Wenn ich heute durch meine Heimatstadt Trier gehe, treffe ich mindestens einmal in der Woche jemanden, der mir zu meinem Mut gratuliert. Daumen hoch, Schulterklopfen. Ich bekomme hundert Prozent Rückendeckung. Das gibt Kraft.

Als Nächstes werde ich bei meiner Pfarrgemeinde und beim Bistum Akteneinsicht fordern, dann per Facebook und Presse alle Zeitzeugen aufrufen, sich zu melden. Der Papst sagt ja, den Missbrauch habe der Teufel begangen. Also bei mir war es ein Pater.

Die katholische Kirche halte ich für eine Lügenfabrik, weil sie keines der Verbrechen an Kindern von allein eingestanden hat. Der Missbrauchsbeauftragte Stephan Ackermann hat in den fünf Jahren, in denen unser Betroffenenrat mit den Wissenschaftlern an dieser MHG-Studie arbeitete, kein einziges Mal mit mir gesprochen. Und das Fatale an der Studie war, dass die Bistümer zwar ihre Akten herausgaben, aber auf freiwilliger Basis, niemand konnte kontrollieren, ob die vollständig sind.

Leid tun mir die Betroffenen, die noch nach Jahrzehnten Albträume haben. Leid tun mir aber auch alle die Diener Gottes, die in unserer Kirche gute Arbeit leisten. Ich brauche keine Vergeltung. Aber auf die Frage des Abtes, ob ich dem Täter, der damals noch lebte, nicht verzeihen könne, habe ich gesagt, ich würde lieber wissen: Ab wann wollen Sie nicht mehr vertuschen? In meinem Bescheid zur Opferentschädigung stand keine Entschuldigung, nur, mein Antrag sei angenommen, das Geld werde überwiesen und man sei gern noch mal zum Gespräch bereit.

Ich unterstelle dem Bischof Ackermann den Unwillen, zügig aufzuklären. Sonst wären wir schon weiter! Meine Anerkennung als Opfer kam zwar schnell, auch die Aufnahme in den Opferbeirat. Nur bei den Konsequenzen für die Vertuscher geht es nicht voran. Das ist, was mich müde macht.

Wenn ich jetzt von dem systematischen Kindesmissbrauch im Sport höre, bekomme ich Gänsehaut. Mein Neffe ist elf und spielt in gleich drei Fußballklubs, da mache ich mir schon Sorgen. Leider ist die Gefahr dort am größten, wo auch das Vertrauen der Kinder groß ist: in der Familie, im Sportverein, im Kinderchor. Ich war ja selber Sängerknabe, aber da ist mir nichts passiert, sondern durch den Jugendseelsorger.

Als Kind habe ich mich übrigens nur einmal einem Erwachsenen anvertraut: meinem Vater. Da war ich acht, und der Vater haute mir eine runter. Er sagte: Was bildest du dir ein! Das kann nicht sein! – Diese Ohrfeige werde ich nie vergessen. Heute bin ich froh, dass mich keiner als Lügner bezichtigt, wie es vielen Betroffenen passiert. Allergisch reagiere ich nur, wenn man mir zu dem Mut gratuliert, als Opernsänger jetzt mit einem Makel durch die Welt zu rennen. Was denn für ein Makel?! Ich muss mich doch nicht schämen, dass mir Gewalt angetan wurde.

"Wir wurden als Nestbeschmutzer gemieden"

"Wir wurden als Nestbeschmutzer gemieden"

Der Historiker Thomas Schnitzler wollte die ganze Dimension der Verbrechen aufklären. Dafür wurde er beschimpft.

Alles begann, als ich zum Telefon griff und andere Männer anrief, von denen ich glaubte, dass sie als Kind vom selben Kaplan missbraucht worden waren wie ich. Da lagen die Verbrechen über 40 Jahre zurück. Auslöser für mein Sprechen war, wie bei vielen Betroffenen, die ich heute kenne, der Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg im Februar 2010. Da machte es bei mir Klick – und dieser charismatische Kaplan kam mir wieder in den Sinn, der mich als Zehnjährigen in der Pfarrei St. Bonifatius in Trier missbrauchte.

Der Missbrauch dauerte von 1966 bis 1968, wie ich später nachweisen konnte. Am Telefon sagte ich zu den ehemaligen Messdienern und Mitschülern: Das Bistum Trier behauptet, bei uns gebe es nur ganz wenige Fälle! Mir schien das realitätsfern, und als Historiker fand ich, wir sollten aufklären. Die gleichaltrigen Männer, alle zwischen 1954 und 1956 geboren, sagten: Ja, bei mir war es auch so.

Heute kennen wir zwölf von der Kirche anerkannte Missbrauchsopfer desselben Täters. Mir ging es immer um die Dimension des Verbrechens, ich wollte nie als Bittsteller bei der Kirche um Entschädigung betteln. Aber bald merkte ich: Wir Betroffenen müssen uns solidarisieren, sonst droht weitere Vertuschung. Mit meinen Eltern hatte ich bis dahin nicht gesprochen, nur mit meiner damaligen Lebenspartnerin, auch sie eine Betroffene.

War es hilfreich, mit jemandem zu sprechen, der einen versteht? Ja, auf jeden Fall. Im Kontakt mit anderen Missbrauchsopfern stellte ich jedoch fest: Einigen half das Sprechen, bei anderen wirkte es zerstörerisch. Einer sagte mal, er fühle sich wie eine Flasche Sekt, die man permanent schüttelt – immer kurz vorm Explodieren. Hinzu kam, dass wir als Nestbeschmutzer gemieden wurden, weil wir die idealisierte Harmonie unserer Pfarrgemeinde im Nachhinein zerstörten. Nachbarn grüßten mich nicht mehr. Ehemalige Gruppenleiter aus St. Bonifatius, mit denen wir als Jungs Fußball gespielt hatten, fühlten sich bezichtigt, dass sie nicht genug aufgepasst hätten.

Bischof Stephan Ackermann müsste, wenn er diesen Generalverdacht von der Kirche nehmen wollte, alles fallbezogen aufklären. Aber die deutschen Bischöfe haben sich für eine anonymisierte Studie entschieden. Auch viele Laien wollen es lieber nicht so genau wissen. Ich bekam anonyme Drohbriefe und Beschimpfungen. Denn in dem sensiblen Thema steckt großes Schuldpotenzial. Da kann ich nicht erwarten, mehrheitsfähig zu sein. Trotzdem tut Zustimmung gut. Wenn dich einer im Supermarkt anspricht und lobt oder wenn ein Weggezogener aus Bremen anruft: Ich habe dich im Fernsehen gesehen; das ist gut, was du machst!

Meinen Eltern habe ich damals als Kind nichts erzählt. Meine Mutter hatte ein sehr gutes Verhältnis zu dem Kaplan, und mein Vater war Hausarzt für das Generalvikariat und betreute auch den damaligen Bischof Bernhard Stein. Erst 2010, nachdem ich mich mit dem Täter getroffen hatte, konfrontierte ich meine Mutter mit der Geschichte. Sie sagte, sie wisse von nichts. Das tat weh.

Ein Schuldeingeständnis der Kirche, dass sie einen Missbraucher einfach versetzt hatte, gab es auch nicht. Aber aus der Personalakte, die ich jetzt, nach fast neun Jahren, zu sehen bekam, geht hervor: Unser Kaplan hatte auf seiner ersten Pfarrstelle schon Missbrauch begangen, ihn sogar eingestanden, daraufhin empfahlen die Personalverantwortlichen des Bistums Trier dem Bischof Stein, den Täter aus dem Verkehr zu ziehen. Vergeblich.

Eigentlich wollte ich den Täter sprechen, um mich mit ihm zu versöhnen. Denn ich halte den Zölibat für nicht lebbar, und dieser Mensch war sehr impulsiv und vital. Also dachte ich, ich gehe hin und sage: Herr Sch., Sie waren kein Priester, Sie hätten Fußballtrainer werden sollen. Sie steckten in einer Zwangsrolle, und wenn Sie das heute zugeben würden, ginge es mir besser. Ich habe mich stabil gefühlt, weil ich als Historiker ja mit viel schlimmeren Opferbiografien zu tun hatte, mit Überlebenden von Auschwitz und Theresienstadt. Ich wollte dem Täter sagen: Als Religionslehrer habe ich Sie gemocht, nur die Geschichte mit dem Missbrauch verstehe ich nicht – ich würde es aber gern verstehen. Dann hätte ich ihm die Hand gegeben.

Leider hat er alles geleugnet und eine Unterlassungsklage gegen mich angestrengt. Danach erst habe ich die Anerkennungszahlung der Kirche akzeptiert, als Beleg. Ich bin dann zeitweise erkrankt, meine Ehe hat gelitten. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, das Sprechen über den Missbrauch sei keine Belastung. Unsere Betroffenenorganisation MissBit, die wir 2010 gründeten, ersetzt ja eine psychotherapeutische Auffangstelle, da geht man sich schon mal auf die Nerven. Aber das Wichtigste bleibt, die Verbrechen aufzuklären.

Und wer will es hören? Ich kenne einen älteren Herrn, der war schon unterwegs, um seinen Opferfall zu melden – und wurde noch im Auto durch einen Anruf seiner Mutter zurückgehalten. Scham spielt eine Riesenrolle, aber Sensationsgier auch. Wenn die Medien sich gerade wieder für uns interessieren, kostet es mich große Anstrengung, voyeuristische oder einfach bescheuerte Fragen abzuwehren. Ich weiß noch nicht, ob ich froh bin über das Treffen, das wir gerade mit Bischof Ackermann hatten. Bei aller freundlichen Seriosität kam wieder die klerikale Besserwisserhaltung rüber: das Dozieren und das Verkünden von Heilsbotschaften, wo wir klare Antworten und konkrete Zusagen erwarten.

Ich würde gern eine Gesellschaft erleben, die sich aus freien Stücken für Betroffene interessiert, nicht weil gerade Missbrauchsgipfel ist. In all dem Reden jetzt spürt man noch immer das Tabu. Der Grund dafür ist ganz klar: Zu dem Zeitpunkt, als das Sprechen wirklich relevant gewesen wäre, nämlich als die Verbrechen stattfanden, da wurde geschwiegen.