Müsste man ein Gebet nicht umbenennen? Sehr altmodisch. Was damit gemeint ist, versteht doch keiner mehr. Schließlich geht es doch um ein die Existenz vertiefendes Selbstgespräch, um Resilienz, um Achtsamkeit, um eine Stellungnahme zur Welt.

Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. © Kulturrat der EKD

Wenn das Gebet eine Schachtel wäre, würden Sie den Inhalt oder das Etikett auswechseln? In der Schachtel liegt nämlich all das: das vertiefende Gespräch mit sich selbst, ein anderer Sinn für die Hierarchie der Wichtigkeiten, eine Übung in Gelassenheit. Doch Gebet ist mehr und anderes. Ist das altmodisch? Vielleicht.

Aber das Gebet ist so alt wie der Glaube an Gott und Ausdruck dieser Beziehung. Das Etikett ist nicht so wichtig. In den alten biblischen Geschichten wird oft auch gar nicht groß angekündigt: "Achtung, Gebet." Die Väter und Mütter des Glaubens tun es einfach.

Sie bedanken sich für ein Glück oder tragen Sorgen und Bitten vor, sie singen, tanzen oder liegen erschöpft am Boden und schaffen mit Mühe noch einen Satz: "Gott, ich will nicht mehr." Gebete sind auch eine poetische Form, von Generation zu Generation weitergereicht, zusammengebunden im "Gebetbuch der Bibel", den Psalmen.

Sie zeigen die ganze Spannung des Gesprächs zwischen Menschen und ihrem Gott, in eigenen oder in geliehenen Worten, kunstvoll entfaltet oder als Stoßseufzer, rebellisch, nörgelnd, zweifelnd, ärgerlich. Kein Wunder, dass Dichter sich an Psalmen versuchen. Entscheidend ist aber nicht das Vokabular, sondern der Richtungssinn der Worte, und der führt weg vom Selbst hin zum Schöpfer der Welt und dem Herrn des eigenen Lebens. Gebet ist das willentliche Eingeständnis der Grenze der eigenen Autonomie, die intensivste Gestalt einer Zugehörigkeit, die Umarmung des Glaubens.

Dietrich Bonhoeffer, der unverdächtig war, an der religiösen Kitschproduktion beteiligt gewesen zu sein, hat es noch eindringlicher formuliert: "Das rechte Gebet ist nicht ein Werk, eine Übung, eine fromme Haltung, sondern es ist die Bitte des Kindes zum Herzen des Vaters. Das Gebet kann niemals eine Beschwörung Gottes sein, wir brauchen uns vor ihm nicht mehr darstellen. Wir dürfen wissen, dass er weiß, was wir bedürfen, eh wir darum bitten." Das klingt in der Tat wie aus der Zeit gefallen. So ist es auch gemeint. Wer betet, fällt aus seiner eigenen Zeit, aus dem Modus der Selbstbeherrschung in die Haltung eines Kindes, das sich noch im Trotz geborgen weiß. So hat Jesus gebetet. Daher kommt der Einstieg in das berühmte Gebet: "Unser Vater ..."

Zugegeben: Gebete sind anfällig. Da gibt es politische Empfehlungen, als wüsste Gott nichts über den Weltenlauf, da werden Botschaften an Gemeinden versteckt. Manchmal ist die Sprache verkorkst und so verschwurbelt, dass Gott sich vielleicht denkt: Mensch, redet doch normal. Ich kenne euch doch. Aber ein Christentum ohne Gebet ist tot.

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