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Wohl zum ersten Mal seit 17 Jahren, als die AKP an die Macht kam, redet die Türkei über eine mögliche Zeit nach Erdoğan. Der bislang als unbesiegbar und alternativlos geltende türkische Staatspräsident ist nach der Schlappe bei den letzten Kommunalwahlen und der verschärften Wirtschaftskrise jetzt erstmals mit jungen, neuen Herausforderern konfrontiert.

Einer davon ist der aufsteigende Stern der CHP: der 49-jährige Ekrem Imamoğlu, der neue Bürgermeister von Istanbul, das sich zuvor ein Vierteljahrhundert in der Hand von Erdoğans Partei befand. Es gilt als sicher, dass der vor sechs Monaten noch quasi unbekannte Imamoğlu seinen in Istanbul angetretenen politischen Marsch, genau wie Erdoğan seinerzeit, bis nach Ankara führen will. Sein Geheimnis ist simpel: Gegen den Alleinherrscher, der behauptet, ohne ihn ginge alles den Bach runter, setzt er auf Teamwork und die Hoffnung auf eine Zukunft: "Alles wird sehr schön." Die konfrontative, polarisierende Hassrhetorik der Regierung beantwortete er mit einer integrativen, auf Vertrauen setzenden Sprache.

Die zweite Person, die der Zukunft der Türkei voraussichtlich ihren Stempel aufdrücken wird, ist der 46-jährige Selahattin Demirtaş. Aus der "Kurdenpartei" HDP machte er im Nu eine "Dachpartei" für türkische und kurdische Oppositionelle. Seit er inhaftiert ist, steigerte sich seine Popularität noch. Bei der Kommunalwahl unterstützte er Imamoğlu, änderte damit das Schicksal Istanbuls wie auch der Türkei und bewies die transformatorische Kraft, die den kurdischen Stimmen innewohnt. Seine politische Attraktivität speist sich aus seinem Talent für Literatur, Musik, Malerei und Humor. Er gilt für Erdoğan trotz Haft als einer der meistgefürchtetsten Widersacher.

An dritter Stelle steht der 52-jährige Ali Babacan. In den Neunzigern war er als Finanzberater in den USA tätig, bevor er in die Türkei zurückkehrte, wo er die AKP mitbegründete. Es folgten Ämter wie Außenminister, Koordinator für den türkischen EU-Beitritt und Vizepremier. Letztes Jahr zog er sich in aller Stille aus dem Kabinett zurück. Jetzt trat er aus der Partei aus.

Hinter Babacan steht bekanntermaßen Altpräsident Abdullah Gül, ebenfalls ein Gründerkader der Partei. Gül und Babacan haben zwar Anteil an den Sünden der AKP-Regierung, machten in letzter Zeit aber als parteiinterne Erdoğan-Kritiker auf sich aufmerksam. Verstimmte ehemalige Minister schlossen sich an. Wie ernst er die Bedrohung nimmt, zeigte Erdoğan neulich, als er ihnen "Verrat der Partei" vorwarf.

Erste Meinungsumfragen ergaben an die 20 Prozent für eine Parteineugründung von Babacan, falls heute Wahlen wären. Die meisten Stimmen kämen aus der AKP-Basis und würden die Regierungspartei unter 40 Prozent drücken. Babacan hat zudem den Vorteil, in westlichen Kapitalkreisen bekannt zu sein und ernst genommen zu werden.

Der wind of change, Albtraum jedes totalitären Regimes, umbläst jetzt den Amtssitz von Erdoğan, mittlerweile 65 Jahre alt. Mit Unterstützung der Kurden und durch AKP-Aussteiger wird das Mitte-rechts/Mitte-links-Bündnis, das sich bei der Kommunalwahl bewährt hat, zu einer echten Regierungsalternative.

Am Horizont der Türkei tauchen vorgezogene Neuwahlen auf.

Sie versprechen Veränderung.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe