Wir Deutschen, zumindest die gebildeten Stände unter uns, sind seltsam. Wir wiegen im Pub unsere Guiness-benebelten Köpfe zur irischen Fiddle im Takt, belegen Abendkurse, um die jiddische Klezmermusik zu erlernen, tanzen zu afrikanischen Rhythmen. Und wir lieben Jodeltöne, sofern sie aus den Appalachen kommen und nicht aus dem Allgäu, zerschmelzen bei bulgarischer Vokalmusik und schunkeln an Weihnachten mit den Don Kosaken. Die deutsche Volksmusik aber nebst dem, was aus Österreich und der Schweiz herübertönt, strafen wir mit Verachtung.

Der Hauptvorwurf: Die Volksmusik spiegelt den Menschen eine heile Welt vor. Kein Wort von Umweltzerstörung in den Heimatliedern, keine Silbe über die hohe Scheidungsrate in Deutschland, wenn von der Liebe gesungen wird. Aber war das bei Kirchenliedern je anders? Wenn da von Gottes himmlischen Heerscharen gepredigt wurde, fragte auch niemand nach, ob der Pfarrer oder die Gemeinde daran glaubt und wie es da oben wirklich zugeht. Hier wie dort spielen Erlösungsfantasien vom irdischen Dasein und harten Alltag eine wichtige Rolle. Im gemeinsamen Hoffen konstituieren sich die Gemeinden. Und die Volksmusikszene ist eine einzige große Gemeinde, die sich nicht wie im Rock oder Pop über Stilrichtungen auseinanderdividiert.

Wir lieben die Folklore anderer Länder, weil wir ihre Sprache nicht verstehen, die Anmut liegt allein im Klang, wie bei einem lateinischen Psalm. Und wiederum fragen die Franzosen oder Amerikaner: Warum nur schätzt ihr eure Musik so gering? Auch da könnte man eine Parallele zum Glauben ziehen: Warum wollen wir lieber Buddhisten sein oder zum Judentum übertreten, als Christ zu bleiben? Warum trauen wir unseren eigenen Heilsvorstellungen nicht über den Weg?

Die Volksmusik liefert auf niederschwelliger Ebene das, was auch Kirchen können: Sie bietet Trost. Alle sind eingeladen zum großen Fest, sollen teilhaben dürfen am großen Remmidemmi. Erreicht ein Schlager Millionen von Herzen, geht er in das Liedgut ein. Unterhaltungsmusik – und davon ist hier die Rede – ist nicht dazu da, Hoffnung zu zerstören, sondern den Menschen das Leben ein bisschen leichter zu machen. Auch die Gemeinde, die zu Konzerten von Bob Dylan und Bruce Springsteen pilgert wie zu einer Wallfahrt, würde nicht gutheißen, wenn man ihr das große Gemeinschaftsgefühl absprechen würde.

Klar: Musik ist so wenig unschuldig, wie ein religiöser Glaube es sein kann. Er steht in Beziehung zur Welt und wird von ihr geprägt. Was den Glauben von unserem Liedgut unterscheidet, ist, dass die Brüche in der Tradition weniger drastisch ausfielen. Wir lesen immer noch aus der gleichen Bibel seit Jahrhunderten, singen aber nicht mehr dieselben Volkslieder.

Die Volksmusik mag eine gut geölte Stimmungsmaschine sein, die Zuversicht generiert, aber zuweilen hat das auch positive politische Folgen. Sie übte eine wichtige soziale Funktion aus nach 1989. Die DDR-Bürger sprachen wenig Englisch und hatten die Amerikanisierung der bundesrepublikanischen Kultur nicht durchlebt. Ein gemeinschaftsstiftender Anknüpfungspunkt war eine deutschsprachige Musik, die zur Verbrüderung ermuntert, zumindest zur Geselligkeit. Diese kurze positive Gemeinschaftserfahrung hat letztlich dazu geführt, dass die heutige Generation der 25- bis 35-Jährigen in Ost und West viel unbefangener mit der Volksmusik umgeht als noch vor einem Jahrzehnt. Rap und Techno zu hören und beim Oktoberfest die Wiesn-Hits der letzten Saison zu singen schließt sich heute nicht mehr aus.

Auf die Volksmusik wird in den nächsten Jahren eine große Belastungsprobe zukommen: Schafft sie es, ihre hohe integrative Kraft, die sie gerade durch ihre Niederschwelligkeit besitzt, dafür zu nutzen, die Gräben in unserer Gesellschaft zu überbrücken? Bisher hat sich diese Zunft tapfer gegen jegliche völkische Vereinnahmung verwahrt und rechtspopulistischen Offerten die kalte Schulter gezeigt.

Bei einem Konzert in Berlin hat die Schlager-Ikone Helene Fischer ihre Fans dazu aufgerufen, gemeinsam mit ihr die Stimme zu erheben gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit. Sie solidarisierte sich auch mit dem Hashtag #wirsindmehr und dem damit verbundenen Chemnitzer Konzert gegen rechts. Andere Künstler folgten ihr. Und da sind sie wieder mit den sinnstiftenden Kirchen ganz unvermittelt auf einer Ebene.