DIE ZEIT:Elisabeth von Thadden, Jens Jessen, Maximilian Probst – die Leser kennen Sie als Autoren und Redakteure der ZEIT. Die wenigsten hingegen dürften wissen, dass Sie Nachkommen von Männern und Frauen des Widerstands sind. Maximilian, Ihr Großvater, Christoph Probst, ist der vielleicht Bekannteste unter den dreien.

Maximilian Probst: Mein Großvater gehörte früh zum Kreis der Weißen Rose um Hans Scholl und Alexander Schmorell in München. Später stieß Hans’ Schwester Sophie Scholl dazu. Weil mein Großvater als Einziger schon Kinder hatte, versuchten die anderen anfangs, ihn herauszulassen, aber mein Großvater ließ sich nicht abhalten.

ZEIT: Wie alt war er damals?

Probst: Anfang zwanzig. Als er verhaftet wurde, waren seine Kinder zwei Jahre, ein Jahr und vier Wochen alt. Er hatte ein Flugblatt für die Weiße Rose entworfen, das Hans Scholl in der Tasche bei sich trug, als die Gestapo ihn festnahm. Drei Tage später, am 22. Februar 1943, sind die Geschwister Scholl, Alexander Schmorell und mein Großvater vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und wenige Stunden danach mit dem Fallbeil hingerichtet worden.

ZEIT: Elisabeth, Ihre Großtante Elisabeth von Thadden stand in Verbindung zum Widerstandskreis um Hanna Solf in Berlin. Hatte sie Kontakte zu anderen Gruppen, zur Weißen Rose oder zum 20. Juli, zu dessen Umkreis Jens Jessens Großvater gehörte?

Elisabeth von Thadden: Nein. Die Geschichte meiner Tante ist ja zunächst nur die einer evangelischen Schulgründerin, die es aus Pommern nach Heidelberg verschlagen hat. Sie war eine deutschnationale standesbewusste Landadlige, eine Christin, die nicht politisch dachte, sondern pädagogisch und sozial. Sie hat ihr Handeln nicht als politischen Widerstand aufgefasst, sondern einfach getan, was sie für richtig hielt. Sie nahm jüdische Schülerinnen in ihr Landerziehungsheim auf und half jüdischen Familien bei der Emigration. 1941 musste sie ihre eigene Schule verlassen, bald darauf war sie in Berlin in Kontakt mit der Gruppe um Hanna Solf. Man sprach auch über die Folgen des Kriegsendes. Im Juli 1944 wurde sie deshalb wegen "Wehrkraftzersetzung" zum Tode verurteilt und im September in Plötzensee enthauptet. Sie hat kurz vor ihrer Hinrichtung dem Gefängnispfarrer Ohm diktiert: Ich kannte niemanden vom 20. Juli, ich habe mit diesem Attentat nichts zu tun gehabt, ich wollte nur eine Samariterin sein.

Jens Jessen: Mein Großvater Jens Peter Jessen wurde dort zwei Monate später hingerichtet – als Mitverschwörer des 20. Juli. Dabei hatte er zunächst ganz karrieristisch auf die Nazis gesetzt: 1927 kam er aus Argentinien zurück, ein extremer Nationalist wie viele Auslandsdeutsche, engagierte sich als Wirtschaftswissenschaftler in der Partei und wurde dafür 1933 auch gleich belohnt, indem man ihn zum Direktor des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel machte. Indes verging kein Jahr, und er musste begreifen, wie die Nazis regierten: Infolge einer Intrige im Institut verlor er seinen Posten, kam vorübergehend unter Hausarrest, im Völkischen Beobachter wurden seine Bücher verrissen.