Ágnes Heller * 12. 5. 1929 † 19. 7. 2019 © Basso Cannarsa/​Opale/​Leemage/​ddp images

Sie konnte ungeduldig sein, mit sich und mit anderen, ungeduldig in ihrem philosophischen Drang, der sie antrieb. Es war eine Ungeduld der mitreißenden und begeisternden Art. Die Verve und das Zupackende ihres Denkens und Sprechens schienen den Raum geradezu physisch zu ergreifen. Über ihre früheren Bücher sagte sie Sätze wie: "Ach, das war doch viel zu lang, um wahr zu sein." Man verstand es als Witz, doch es steckte darin dieselbe Ungeduld, die sie zwang, sich nie auszuruhen bei dem Erreichten.

Am vergangenen Freitag starb die große ungarische Philosophin Ágnes Heller im Ferienort Balatonalmádi am Plattensee. Sie starb, wie sie lebte – mutig und unbeirrt: Sie sei, so berichten Augenzeugen, weit hinausgeschwommen in den See, so wie immer, aber diesmal kehrte sie nicht ans Ufer zurück. Vor einigen Wochen war sie 90 geworden. Seit Jahren hatten Freunde sie gebeten, aus Rücksicht auf ihr Alter nicht so weit hinauszuschwimmen. Seitdem schwamm sie nur noch zwei statt drei Stunden. Das war ihre Art von Konzession.

Die Ungeduld trieb Ágnes Heller an. Doch wenn es eine große Leitlinie in ihrem Denken gibt, dann ist es die Geduld mit der Wahrheit. Diese Geduld musste sie lernen. Ihre frühen philosophischen Entwürfe zeugen vom Willen zur radikalen politischen Veränderung. Als Kind jüdischer Eltern entging sie mit ihrer Mutter der Deportation durch die Nazis nur knapp; ihr Vater wurde im Konzentrationslager ermordet. Nach dem Krieg wurde sie Mitglied der Kommunistischen Partei, aus Überzeugung, wie sie sagte. Aber schon bald geriet sie in Widerspruch mit der Führung; gleich zweimal wurde sie aus der Partei ausgeschlossen. "Wir wollten die Erlösung nach diesem Krieg. Alle Philosophen wollten die Erlösung, aber langsam kam uns zu Bewusstsein, dass wir eine falsche Erlösung wollten, dass wir einen falschen Glauben hatten."

Sozialismus verstand Ágnes Heller als radikale Demokratie, nicht als Diktatur. Doch auch diese positive Utopie des Sozialismus kam ihr immer mehr abhanden. Sie neigte nicht zu radikalen Veränderungen ihres Denkens, sondern wollte auf ihrem philosophischen Schiff stets nur die Planken ersetzen, die morsch geworden waren.

Einen entscheidenden Wendepunkt, sagte sie, habe es in ihrem Leben allerdings gegeben: Es war der Moment, als sie bemerkte, dass sie den Ideen des universalen Fortschritts und der revolutionären Veränderung des Menschen nicht mehr vertrauen wollte und konnte, denn das Paradies auf Erden werde es nie geben. Und so ließ Ágnes Heller die großen Erzählungen der Geschichtsphilosophie hinter sich, und das bedeutete nicht nur eine Abkehr von Karl Marx, sondern auch vom Fortschrittsdenken Hegels. Sogar von ihrem geliebten Kant nahm sie Abschied, weil sie dessen Unterscheidung von den zwei Reichen – dem Reich der Freiheit und dem Reich der Natur – als metaphysisch ablehnte.

Eines ihrer neueren Werke trägt den Titel Von der Utopie zur Dystopie. Es drückt sich in diesem Titel keineswegs Resignation aus, ganz im Gegenteil. Es ist ein philosophisches Plädoyer, in dem fast so etwas wie Hoffnung steckt: Weil Utopien lügen, erwachse aus dem Glauben an die Utopie notwendig die Verzweiflung. Dystopien hingegen, so Heller, warnten uns vor einer schrecklichen Zukunft und beließen uns dabei die Freiheit, ebendieses Szenario abzuwenden. Dystopien bewegen uns zum Handeln, Utopien zum Warten.

Neben der Geschichtsphilosophie betrieb Ágnes Heller Moralphilosophie, drei große Werke hat sie dazu verfasst. Auch hier neigte sie zu Zurückhaltung: "Niemand ist moralisch geworden, weil er den kategorischen Imperativ verstanden hat." Mit Moralphilosophie erreiche man nur diejenigen, die für sich selbst schon die Entscheidung getroffen hätten, moralisch sein zu wollen. Eine große Rolle spielten für Heller Vorbilder. Wie Aristoteles an einem Freund, so orientierte sie sich zeitlebens an ihrem Vater, einem Budapester Rechtsanwalt und überzeugten Kantianer. Doch auch die Gespräche mit ihrer Großmutter Zsófia Meller blieben ihr in Erinnerung. Von ihr hatte sie die Überzeugung, dass das moralisch gute Leben nicht im Widerspruch zum schönen Leben stehen müsse.

Eigentlich, so sagte Ágnes Heller einmal, gehe es in ihrer gesamten Philosophie nur darum, zu verstehen, wie Auschwitz und der Gulag möglich gewesen seien. Zu verstehen bedeutete für sie etwas prinzipiell anderes, als zu hassen. Systeme und das totalitäre Regime wollte sie hassen, aber nie die Menschen, nicht einmal die Übeltäter. Es ist diese zutiefst humanistische Überzeugung, die ihre Philosophie vielleicht mehr charakterisiert als jede noch so ausgefeilte Theorie.

Schon lange vor ihrer Emigration im Jahr 1977 war sie eine philosophische Kosmopolitin. Doch auch in den Jahren in der Fremde, als sie zunächst in Australien und dann als Nachfolgerin Hannah Arendts an der New School of Social Research in New York lehrte, blieb ihr Bekenntnis: "Ich bin eine ungarische Jüdin, und ich liebe die ungarische Sprache."

Deshalb war es für sie selbstverständlich, dass sie nach ihrer Emeritierung nach Budapest zurückkehrte. Mit Kritik am Regime Orbán hat Ágnes Heller nie gespart, und so beschrieb sie in ihrem letzten Buch die Entwicklung Ungarns nach dem Fall der Mauer 1989 als eine doppelte Wende: als Wende "von der Diktatur zur liberalen Demokratie und von dieser zur Tyrannei". Das Buch trägt den Titel Paradox Europa und ist Ausdruck einer tiefen Sorge um die politische Entwicklung des Kontinents. Nun ist es zu ihrem Vermächtnis geworden.