Der Himmel über Laulasmaa – Seite 1

Wenn Menschen wie ihre Häuser sind und Häuser wie Menschen, wenn Architektur nach der Seele ihrer Bewohner geht und diese Seele so stark ist, dass sie Materialien prägt und Grundrisse inspiriert – dann hat der estnische Komponist Arvo Pärt den Ort seiner Bestimmung gefunden. Und zwar mitten im Wald, ganz wie es sich für den erfolgreichsten Eremiten der Neuen Musik gehört, in Laulasmaa auf Lohusalu, 35 Kilometer westlich von Estlands Hauptstadt Tallinn gelegen. Eine Landzunge voller Kiefern, hohe Kronen, weiches Licht, ein schmaler Saum aus Sandstränden, am Boden Farne und Blaubeersträucher. Die Beeren sind noch nicht ganz reif, als ich die Pärts Ende Juni in ihrem Refugium besuche. "Dieser Platz", sagt Nora Pärt, Ehefrau, Muse und Weltnabelschnur des Komponisten, "ist uns buchstäblich auf den Kopf gefallen." Und meint damit: Es war Fügung, Schicksal, es musste so kommen. Die vielen Kreise, die sich hier schließen. Das lang ersehnte Leben in der Natur.

Das große schöne neue Haus.

Aus der Luft betrachtet wirkt das Arvo Pärt Centre tatsächlich, als wäre hier ein Ufo gelandet: Vieleckig duckt sich der Bau zwischen die Bäume, man denkt an einen Seestern oder -igel und erfährt, dass sich das spanische Architekturbüro Nieto Sobejano von der Grafik der Pärtschen Partituren hat leiten lassen. Pärts Kalligrafie ist legendär – auch legendär einfach, was über die Komplexität, die Implosionskraft seiner Musik leicht hinwegtäuscht. Pärt klingt stets geladen und meditativ zugleich, wortkarg und mystisch beredt. Ein Pärt-Hit wie Fratres von 1977 etwa handelt nach Auskunft des Komponisten vom Kampf des Augenblicks mit der Ewigkeit. Wer das Stück im Ohr hat und sich dem Pärt Centre nähert, auf federndem Waldboden, in überwältigender Stille, den überfällt plötzlich die Vision, dass die Natur sich eines Tages zurückholen könnte, was man ihr hier, nein, nicht geraubt, aber doch in den Pelz gesetzt hat. Dass Blaubeeren, Kiefern, Sand und See letztlich über alle Partituren und Papiere, alle Tagebücher, Briefe, Tonbänder und Fotos in ihren Klimaschränken obsiegen. Die Schöpfung war immer das Ziel von Pärts Kunst, nie wollte seine Musik (jedenfalls nicht die, die er gelten lässt) etwas anderes als in dieser aufgehen. Dass ausgerechnet ein Archiv das so versinnbildlicht, ist außergewöhnlich.

Zu ebener Erde freilich wirken die 2348 Quadratmeter Glas, Holz und Stahl weder defensiv noch wie ein Fremdkörper oder Ufo. Man betritt das Gebäude vielmehr, als mischte man sich ins Gespräch zweier Persönlichkeiten, der Architektur und der Landschaft. Ein durchgehendes bodentiefes Fensterband gliedert die Fassaden, selbst aus dem Konzertsaal (150 Plätze) blickt man hinaus in den Wald, und wenn in den fünf Innenhöfen der gleiche Bodenbewuchs sprießt wie vor der Tür, ist das natürlich Absicht. "Wir wollten die Natur ins Haus holen", sagt Nora Pärt und führt mich flinken Schrittes herum. Vom Eingangsbereich durch die helle, leere Ausstellungsfläche ("was soll man bei einem lebenden Komponisten auch zeigen?"), die Bibliothek und das kleine Kino bis zu den Arbeitsplätzen und dem Seminarraum. Ein knappes Viertel der Fläche ist nicht öffentlich zugänglich, hier liegen die Büros der 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mit der Digitalisierung des Pärtschen Vorlasses beschäftigt sind, ein Wintergarten für Besprechungen, das Archiv und Arvo Pärts persönliches Studio. 8,3 Millionen Euro hat der estnische Staat sich das Ganze kosten lassen, zwei Jahre lang wurde geplant, 18 Monate lang gebaut, Eröffnung im vergangenen Herbst, alles fristgerecht.

Das Zentrum freilich gäbe es heute so wenig wie Pärts Œuvre, wenn Nora Pärt dem Komponisten nicht seit bald 40 Jahren zur Seite stünde. Auch das ist ein Teil dieser Geschichte und kein geringer, nur wird er selten erzählt. Ein typisches Frauenleben im Dienst eines genialen Künstlers? Das würde sie nie so sehen. Eher führten sie eine Ménage-à-trois, hat Nora einmal gesagt, Arvo, sie und die Musik. Eleonora "Nora" Pärt, geboren in Georgien, studierte Dirigentin und Musikwissenschaftlerin, eine drahtige kleine Person voller Wärme und Eleganz. Ich könne gern nach Laulasmaa kommen, schreibt sie, ja, aber bitte ohne "Zeitungserwartungen". Es ist bekannt, dass Arvo Pärt seit Jahren keine Interviews gibt. "Ich habe keine Meinung über meine Musik", so lässt er sich zitieren, "wenn ich ein Stück komponiere, ist es wichtig, nicht darüber zu reden, weil ich sonst den Impuls zum Schreiben verliere. Und wenn das Werk fertig ist, ist ohnehin alles gesagt." Aber vielleicht würde er über sein neues Haus sprechen?

Hoch über den Baumkronen

Die Kapelle des neuen Zentrums © Roland Halbe

"Arvo", ruft Nora leise, als wir in der Tür des Studios stehen, behände durchmisst der 83-Jährige den Raum. Hagerer noch als früher ist er, der "Popenbart" gelichtet, helle, offene Augen, große, warme, raue Hände, die nach den meinen greifen. Arvo Pärt ist der freundlichste Mensch, dem ich je begegnet bin. Und einer der schweigsamsten. Auf eine kuriose Weise ist an seiner Seite trotzdem alles gesagt. Leise weht auch Genugtuung durch den Raum, ja so etwas wie Stolz. Ich möge Anfang Februar doch in die Elbphilharmonie kommen, rät er, zu seinem von Manfred Eicher kuratierten Porträt-Konzert – "wenn wir dann noch leben!" Eicher ist der Spiritus Rector des Plattenlabels ECM, das Pärt 1984 mit Tabula rasa zu Weltruhm verhalf. Dann schenkt der Komponist mir ein Notizbuch. "Bitte schreiben Sie es voll!", scherze ich, woraufhin Pärt auf der ersten Seite zu einem sehr zarten Linienschwung ansetzt, mehr Skizze als Autogramm: "Es ist schon voll!"

Arvo Pärts Arbeitszimmer ist mit Möbeln aus ihrer langjährigen Berliner Wohnung bestückt: einem Flügel, einem Spinett und einem gedrechselten Schreibtisch, an dem die meisten seiner Werke entstanden sind. 1980 emigrierten die Pärts mit zwei kleinen Kindern in den Westen, zwangsweise, wie das so üblich war. Die sowjetischen Kulturideologen stießen sich an seinem Eintritt in die russisch-orthodoxe Kirche und am radikal spirituellen Gehalt seiner Musik, Repressionen waren zu befürchten. Es gehört zu den bewegendsten Momenten des Pärt-Films, der alle halbe Stunde im Kino des Zentrums anläuft, wenn man einen der Söhne, zwei oder drei Jahre alt, aus einem Zugfenster blicken sieht. Wir machen eine Reise um die Welt, hatten die Eltern den Kindern erzählt, als es von zu Hause fortging, wohl wissend, dass sie Estland so schnell nicht wiedersehen würden. Über Wien, wo Alfred Schlee sie empfing, der damalige Leiter der Universal Edition (Pärts Verlag bis heute), gelangte die Familie mit einem DAAD-Stipendium schließlich nach Berlin.

Und es gehört zu den sich schließenden Kreisen von Lohusalu, dass die Berliner Konrad-Adenauer-Stiftung just an dem Tag zu einer "Hommage für Arvo Pärt" geladen hatte, am 19. Januar 2011, an dem bei den Pärts in Lankwitz die Umzugslaster vor der Tür standen und Nora im Taxi zur Veranstaltung einfiel, dass sie ihre estnische Heimat vor exakt 31 Jahren verlassen hatten. Berlin war mit Pärt – dem "komponierenden Kirchenvater", wie der Spiegel schrieb, der "in jede Dostojewski-Novelle passen würde" – keineswegs immer gnädig umgegangen. Die deutsche Musik-Avantgarde beargwöhnte den Bekenntnisgrad seiner Werke, deren vermeintliche Einfachheit. Glöckchen-Stil (lateinisch titinnabuli) nennt Pärt die Sprache, zu der er 1976 nach einer langen, lebensbedrohlichen Krise fand, ein auf Dreiklängen fußendes Amalgam aus seriellen Techniken und Gregorianik, wenn man so will. Scharlatanerie!, schallte es ihm daraufhin aus westlichen Elfenbeintürmen entgegen, Esoterik! Dass Pärts Musik zur 750-Jahr-Feier des Kölner Doms ebenso erwünscht war wie in Michael Moores Politdokumentation Fahrenheit 11/9 oder bei der Einweihung des Berliner Holocaust-Mahnmals, machte die Sache nicht besser.

Die Pärts verlassen Berlin allerdings nicht wegen Berlin, sondern weil sie auf Lohusalu ihren Locus amoenus gefunden haben, ihren magischen lieblichen Ort: ein winziges Blockhaus, 400 Meter vom heutigen Zentrum entfernt. Das Haus sei viel zu klein und gar nicht das, wonach sie gesucht hatten, lacht Nora Pärt, aber es musste sein, schon wegen des morgendlichen "Terrassentheaters" der Tiere, der Eichhörnchen und Füchse. Fast zehn Jahre lang arbeitet und komponiert Arvo in der Umkleidekabine der zum Häuschen gehörigen Sauna.

Jetzt hat er definitiv mehr Platz, drüben im Zentrum, eigentlich zum ersten Mal in seinem Leben. Bald werden auch die Wandgemälde fertig sein in der schlichten griechisch-orthodoxen Privatkapelle, die wie das Herz des Ganzen den größten Innenhof ziert. Gewidmet ist sie zwei Mystikern, Siluan von Athos und Altvater Sophronius von Essex. Statt zu beten oder zu meditieren, um dem Himmel nahe zu sein, kann man in Laulasmaa aber auch den Aussichtsturm des Centres besteigen. 155 stählerne Stufen (es gibt einen Fahrstuhl!), oben zwei Plattformen, eine windgeschützte, eine höhere, offene. Da steht man nun hoch über den Baumkronen und lässt den Blick schweifen, den weiten baltischen Horizont entlang. Und meint Musik zu hören, die verlorenen Töne eines Klaviers wie in Pärts allererstem revolutionärem Glöckchen-Stück Für Alina. Wahrscheinlich ist es aber doch nur die Stille.