Vor neunzig Jahren gab es den größten Börsencrash aller Zeiten, der als "Black Thursday" in die Geschichte eingegangen ist. Damals verfolgte natürlich keines der involvierten Unternehmen das Ziel, das Vermögen seiner Anleger zu vernichten und sie in den Ruin zu stürzen. Trotzdem war dies das Ergebnis. Heute sind der schludrige Umgang mit Daten oder individuelle Überwachung auch nicht das Geschäftsziel von Google, Amazon, Facebook und Co. Dennoch beschleicht manch einen genau dieses Gefühl – und als Weckruf warnt die Harvard-Professorin Shoshana Zuboff bereits vor einem "surveillance capitalism".

Manche reagieren darauf mit Kulturpessimismus. Das Smartphone wegwerfen, sich aus den sozialen Medien abmelden, nichts mehr online bestellen und nur noch bar bezahlen – all das sind Ratschläge, die kursieren. Liberale kann das nicht überzeugen. Wenn die Regeln oder ihre Durchsetzung nicht gut genug sind, müssen wir beides – Regeln wie Durchsetzung – eben besser machen, statt trotzig alles zu verdammen und auf die faszinierenden Möglichkeiten der Digitalisierung völlig zu verzichten.

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Deshalb müssen wir in Europa den nächsten Schritt gehen: Kluge Regeln brauchen starke Institutionen, die Regelverstöße feststellen und sanktionieren können. Konkret: Wir brauchen eine European Data Agency (EDA), eine europäische Behörde für die Datenaufsicht.

Mir ist bewusst, dass ich damit den einen oder die andere verwirren werde: Ein Politiker der Freien Demokraten fordert eine neue Behörde? Um große Konzerne wirksamer als bisher zu regulieren? Ja, genau.

Denn Liberalen geht es nicht um möglichst wenig Staat, sondern um möglichst viel Freiheit für jede und jeden Einzelnen. Egal, ob die Freiheitseinschränkung durch staatliche Überwachung oder Diskriminierung, überbordende Bürokratie, fiskalische Belastung oder eben durch Konzerne entsteht, die ihre Marktmacht ausnutzen. Diesen Grundsatz auf die neuen Fragen unserer Zeit anzuwenden ist ein sinnvolles Fortdenken der ordoliberalen Tradition, die sich schon in der Schaffung des Bundeskartellamts konkretisierte.

Bisher kreist die Debatte um die Marktmacht einzelner Datenkonzerne meist ausschließlich um Fragen und Antworten des Wettbewerbsrechts. Es war auch richtig, wenn Margrethe Vestager als EU-Wettbewerbskommissarin zum Beispiel von Facebook verlangte, Geschäftsfelder zu trennen. Aber das Instrument der Entflechtung stößt nun einmal an Grenzen in der digitalen Plattform-Ökonomie, deren Wesen ja gerade die Verflechtung ist.

Wettbewerb ist eine Antwort auf viele, aber nicht auf alle Fragen, die sich bei der Nutzung unserer persönlichen Daten stellen. Oder in den Worten von Vestager selbst: Sie sei sehr glücklich mit dem Hammer des Wettbewerbsrechts – aber deshalb werde nicht jede Frage des digitalen Binnenmarktes zu einem Nagel.

Neben dem Wettbewerb unter den Daten verarbeitenden Unternehmen und unserem bewussten Umgang mit den eigenen Daten brauchen wir also eine neue, alles umklammernde Antwort: Datensouveränität muss sie lauten.

Datensouveränität zum einen gegenüber dem Staat – hier herrscht in Deutschland zum Glück eine hohe Sensibilität, wie auch der anhaltende Widerstand gegen die Vorratsdatenspeicherung zeigt. Dieselbe Gegenwehr haben übrigens auch die Träume vom zweiten Großen Wohnzimmer-Lauschangriff mancher Landesinnenminister via Zugriff auf Alexa und Co. verdient. Zum anderen ist es aber ebenso zwingend, Datensouveränität gegenüber Facebook, Google und Co. durchzusetzen. Global gesehen, ist die EU hier mit der Datenschutz-Grundverordnung, trotz aller ihrer Schwächen, beispielhaft vorangegangen.