Jetzt oder nie!

Wer gehen wollte, den konnten SED-Autoritäten hart bestrafen. Christiane Hille flog von der Schule.

Von Constantin Hoffmann

Im März 1984 wurde Christiane Hille, eine Schülerin aus Halle-Neustadt, 18 Jahre alt. Im Juni sollte sie das Abiturzeugnis bekommen. Am Abend des Geburtstags kam ihr und ihrer besten Freundin Bettina in der Stadt ein Freund entgegen, aus dem es freudig herausbrach: "Hey, übermorgen kann ich ausreisen!" – "Was, du auch?" Das schlug bei ihnen ein wie ein Blitz. Der Freund erzählte euphorisch: "Wir haben nur vier Wochen gewartet. Das sind jetzt diese Kredite, das ist so super, das geht jetzt so schnell."

Christiane Hille ist Architektin, sie wohnt in Weimar. © Constantin Hoffmann

Er meinte den Milliardenkredit für die klamme DDR, den der damalige bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Franz Josef Strauß eingefädelt hatte. Im Gegenzug hatte die SED-Führung der Bundesrepublik einiges versprochen. Dazu gehörten, neben dem Abbau der Selbstschussautomaten an der Grenze zum Westen, auch Erleichterungen von Ausreisen und Familienzusammenführungen.

Christiane dachte an diesem Abend: "Okay, jetzt oder nie!" Drei Tage nach ihrem 18. Geburtstag stellte sie einen Antrag auf Ausreise aus der DDR, am 18. März 1984. Später wurde ihr klar: "Das war natürlich ganz dumm, unmittelbar vor dem Abitur." Sie hatte die Eignungsprüfung an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein bestanden und von dort eine Zusage, also schon einen Studienplatz in der Tasche. Aber im Kopf kreiste immer der eine Gedanke: "Das ist das Zeitfenster, wenn ich das jetzt verpasse ..." Es gab damals auch immer wieder Gerüchte, dass es nun schneller gehen sollte – und einen Beweis: der Freund, der so gejubelt hatte. Christiane wusste nun auch, wie es geht: "Hingehen, zur Abteilung Inneres beim Rat des Stadtbezirks Halle-Neustadt, und den selbst geschriebenen Antrag abgeben."

Dort musste sie ewig warten. Als sie erklärte, dass sie einen Ausreiseantrag stellen wollte, schaute der Mann auf der anderen Seite des Schreibtischs verwundert: "Das geht nicht, das können Sie nicht!" Er fragte nach dem Warum. "Aus religiösen Gründen", schmetterte Christiane ihm entgegen. Das war ihr Zauberwort. Diesen Grund hielt sie für unangreifbar in diesem religionsfeindlichen Staat. Aber es half nichts. Der Genosse hatte nur eine Antwort parat: "Sie kommen hier nicht raus, niemals!"

Einen Tag später holte man sie aus dem Unterricht. Im Direktorenzimmer hieß es: "Was machen Sie denn? Das meinen Sie doch nicht ernst?" – "Doch", antwortete Christiane. Sie muss das sehr überzeugend rübergebracht haben, denn man machte kurzen Prozess: "Sie werden von der Schule suspendiert!" Dann wurde die Abiturientin nach Hause geschickt. Sie durfte nicht mehr in die Klasse zurück.

Christianes Schulkameradin Ina Liebmann erinnert sich noch lebhaft an das ungewöhnliche Geschehen an der Schule: "Es war so, als ob etwas ganz Schlimmes passiert war! Die Schule veranstaltete ein Riesentheater, eine Hetzkampagne, unter der ich gelitten habe. Hauptakteur war ein Lehrer, der später selber ausgereist ist. Mehrere Klassen mussten sich in der Aula zur ideologischen Vergatterung versammeln. Es war wie ein Schauprozess, ohne dass die Angeklagte zugegen war." Die Lehrer verkündeten, Christiane habe die Möglichkeit zum Abitur vom sozialistischen Staat geschenkt bekommen und trete diesen nun mit Füßen. Man habe mehrfach versucht, die Schülerin davon abzubringen.

Ina berichtet von einer Liste, die herumgegeben wurde, auf der alle unterschreiben sollten, dass sie jeglichen Kontakt zu Christiane abbrechen würden. "Ich erinnere mich, dass ich das absolut nicht unterschreiben wollte. Und ich kann bis heute nicht sagen, ob sie mich nicht doch dazu gezwungen haben."