Als Yama Razaqi sich entschied, Dolmetscher zu werden, hatte er keine Ahnung, was auf ihn zukommen würde. Razaqi hatte jahrelang Teller gespült und war Taxi gefahren, als ihm seine Schwägerin 2015 vorschlug, sich in ihrer Dolmetscheragentur zu bewerben. Razaqi spricht Dari, Paschtu, Farsi, Russisch und Urdu, Leute wie ihn bräuchten sie, sagte sie. Doch kurz vor seinem ersten Auftrag bekam Razaqi es plötzlich mit der Angst zu tun.

Kann ich das überhaupt? Der Oberarzt der Asklepios Klinik in Wandsbek habe ihm aber gut zugeredet: Natürlich könne er das, er sei stark.

So fand sich Razaqi in einem Gespräch wieder mit einem Therapeuten und einem jungen Hirten, der aus Afghanistan geflohen war. Razaqi übersetzte die Schilderung des Geflüchteten: Wie dessen Vater vor seinen Augen von den Taliban hingerichtet worden war, mit einer Salve aus einer Kalaschnikow. Wie die Terroristen ihn, den Sohn, danach tagelang in einer Höhle gefangen hielten, wie sie ihn folterten und wie er schließlich nur mit Glück und schwer verletzt entkommen konnte.

Es war das erste Mal, dass Razaqi eine Psychotherapie miterlebte, und der Auftakt eines neuen Lebenskapitels, von dem er fasziniert erzählt und das ihn zugleich auf eine harte Probe stellt.

Seit 2015 sind gut 42.000 Flüchtlinge dauerhaft nach Hamburg gezogen. Der Bedarf an psychologischer Betreuung ist dadurch extrem gestiegen. Laut Studien leiden 30 bis 40 Prozent der Flüchtlinge unter psychischen Erkrankungen wie posttraumatischen Belastungsstörungen oder Depressionen, ausgelöst von Erlebnissen in ihrem Heimatland, auf der Flucht oder durch ihre Lage in Deutschland. Grob hochgerechnet sind das mindestens 12.500 behandlungsbedürftige Flüchtlinge.

Viele von ihnen haben den Ausnahmezustand erlebt. Jetzt sind sie Teil der deutschen Normalität. Während die Themen Flucht und Integration in den vergangenen Jahren in Hamburg in den Hintergrund gerückt sind, tragen die Flüchtlinge den Horror aus ihrer Heimat mit sich herum oder entwickeln neue psychische Krankheiten, weil sie in der deutschen Normalität nicht ankommen, das Gefühl haben, isoliert zu sein.