Wer in die neue Bezirksversammlung horcht, die sich gerade erst unter Getöse konstituiert hat, hört erstaunlich Lobendes. Viel für den Bezirk geleistet, heißt es von der lobunverdächtigen FDP, er gehe Probleme ideologiefrei an. Erst als die Nettigkeiten adressiert sind, beklagen die Fraktionen: die Entpolitisierung der Bezirksversammlung, im Anpackenden des Amtsleiters begründet, der lieber entscheidet, als mitentscheiden zu lassen, lieber macht als fragt. "Wir wollen ihn nicht nur nachträglich kontrollieren oder legitimieren, wir wollen mitgestalten", klagt einer. Droßmann habe zu viel Nähe zur Bild-Zeitung, sagt ein anderer, er lanciere Storys gezielt, auch um Leute, mit denen er nicht kann, unmöglich zu machen. Politik mache er nicht für Mitte, sondern für die SPD-Klientel, geltungsbedürftig sei er, mit riesigem Ego. Ende der Anklage.

Das muss man sacken lassen. Zeit dafür ist, hier in der Tiefgarage des Bezirksamts, denn der Fahrer – ja, wo ist denn der Fahrer? Fragt sich Droßmann, fragt er seinen Praktikanten, der aber schweigt. Endlich mal sieht man den Hoffnungsträger zornig, sein Handy hat keinen Empfang, da entdeckt er ein achtzigerjahrebeiges Wandtelefon, seine Sekretärin will er anrufen, weil der Fahrer fehlt, aber auch das Telefon ist tot. "Funktioniert denn hier gar nichts?", schreit Droßmann, was einer Komik nicht mehr entbehrt, schließlich ist das doch sein Laden. Gemütlich schlendert der Fahrer heran. Wo waren Sie?, herrscht Droßmann ihn an, auf Klo, sagt der Fahrer, ich dachte ... Aber Droßmann will nicht hören, was der Fahrer dachte, er will losloslos, fahren Sie, befiehlt er, Eröffnung des Sozialkontors, einer Begegnungsstätte, wo Menschen auch bei Anträgen geholfen wird.

Selbst Droßmann gelingt nicht alles, aber Verwerfungen überstand er bisher schadlos. Er kam ins Amt, als publik wurde, wie ein Mitarbeiter des Jugendamts Hunderttausende Euro veruntreut hatte, und verwies rege darauf, dass alles unter seinem Vorgänger passiert sei, installierte selbst aber ein Frühwarnsystem, sodass er als Problemlöser dastand. In seinem Bezirksamt schuf er eine interne Prüfgruppe, an die Mitarbeiter künftig Verdachtsmomente melden sollen. Er hat im Szeneviertelstreit ums Cornern keine Lösung erreicht, auch wenn er zwischendurch drohte, Kioske abzustrafen, die Billigalkohol ausschenken. Er sagt: "Ich bin nicht dafür zuständig, Gesetze zu machen, auch wenn das manche erwarten. Seit der Deregulierung hat das Bezirksamt keine Möglichkeit mehr, hier einzugreifen. Das kann ich dem Gesetzgeber nur spiegeln, und der muss entscheiden, ob der Zustand so bleiben soll."

In Mümmelmannsberg sollen die Zustände nicht bleiben, wie sie sind, sie sollen sich bessern, also ist auch ein neues Sozialkontor wichtig. Droßmann eilt strammen Schrittes ins Plattenbauparterre. Aha, denkt man, so marschiert einer, der bei der Bundeswehr war, nein, ist, das Amt ruht nur. Oberstleutnant der Luftwaffe, was ihn auf den Bürokratieapparat vorbereitet haben dürfte. Erst 2001 trat er in die SPD ein, um sich gegen Rechtspopulisten wie Schill zu engagieren. Dienst am Schreibtisch jetzt, aber das Befehlende hat er sich bewahrt. "In der Verwaltung wird die Verantwortung auf viele verteilt, damit sie kein Einzelner übernehmen muss und am Ende schuld ist, wenn was nicht klappt. Das ärgert mich manchmal, das gibt es bei der Armee nicht. Ich gehe gerne voran", sagt Droßmann. Sein Haus führt er zackig und stramm. Klar, dass so einer in der Bezirksversammlung aneckt, nicht nur bei pazifistischen Fundamentallinken.

Antreten im Sozialkontor, großes Hallo, kleine Rede. Nach elf Minuten ist Droßmann wieder raus, weil er am Tag zuvor zehn Meter weiter etwas eröffnet hat, und irgendwann wird es redundant. Wie viel kann man eröffnen, begrußworten, beschirmherren, ohne zu delirieren? Seine Popularität nährt sich auch aus seiner ständigen Präsenz, selbst bei aberwitzigen Anlässen, ohne dass er dabei jemals so wirkt, als sei ihm das lästig. Droßmann eröffnet Fahrradstraßen, Spielplätze, Toilettenhäuser und Lebkuchendörfer, denn jeder Termin eröffnet ihm die Chance, sich zu zeigen. Und wenn Leute ihn unterschätzen, noch besser, dann kommt er aus dem Windschatten des Klischees, aus dem Vorurteilsverdacht der anderen. Er verfügt über eine Anpassungsfähigkeit, wie sie in Mitte besonders nötig scheint, im Binnenspannungsverhältnis zwischen St. Pauli und der Veddel. Wenn das alles echt ist, ist es gut. Wenn das nicht echt ist, ist es gut inszeniert.

Droßmann eilt eine alte Betontreppe hinab, drei Männer stehen da wie Figuren aus einem Bertolt-Brecht-Stück, auf ihre Rollatoren gestützt und die Stütze zumindest teilweise in Schnaps investiert. Und wie er vorbeirauscht im slimfitten Anzug, der stets ein bisschen besser sitzt als die Anzüge anderer Politiker und diese aussehen lässt wie Staubsaugerverkäufer, ruft er: "Das wird neu, das wird alles neu." In dem Moment weiß man tatsächlich nicht, was er meint, die Treppe, die Männer oder den ganzen Bezirk. Die Männer rauchen stoisch weiter. Da will Droßmann plötzlich auch rauchen, hat aber seine Zigaretten im Büro vergessen. Der Fahrer leiht ihm eine, seine Tiefgaragenschuld ist abgetragen.