Wir treffen ihn in einem Berliner Hotel: Felwine Sarr, 46, ein Intellektueller aus dem Senegal, der gerade wie kaum ein anderer die Debatte über die Rückgabe kolonialer Raubgüter beeinflusst. Im März vorigen Jahres war der Professor für Ökonomie vom französischen Präsidenten Macron beauftragt worden, die Möglichkeiten einer Rückgabe entwendeter Artefakte zu erkunden. Sein Bericht, erarbeitet mit der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, ist äußerst umstritten, auch in Deutschland. Viele fürchten, dass bald schon die europäischen Museen ihre wichtigsten Sammlungsstücke verlieren könnten.

DIE ZEIT: Herr Sarr, ärgern Sie sich eigentlich über die Deutschen? Die Berliner Museen wollten ja lange nichts von den geraubten afrikanischen Artefakten herausrücken, an denen "Blut klebt", wie Ihre Kollegin Bénédicte Savoy es formulierte.

Felwine Sarr: Ganz im Gegenteil. Die deutsche Haltung ist eine der fortschrittlichsten in Europa. Wir haben die Debatte in Deutschland genau verfolgt und festgestellt: Das Land ist immer fortschrittlicher geworden. Das zeigt die Debatte um das Humboldt Forum und die Dekolonialisierung. Es gibt viele Museen, die sich zur Restitution entschlossen haben, zum Beispiel das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum oder das Lindenmuseum in Stuttgart. Monika Grütters, die Kulturstaatsministerin, hat sich entschieden für die Restitution ausgesprochen. Wir sind also längst nicht mehr am Anfang, als es gebetsmühlenartig hieß: Wir machen erst mal Provenienzforschung. Deutschland hat sich bewegt.

ZEIT: Der Impuls zur Aufarbeitung der Kolonialgeschichte und zur Rückgabe afrikanischer Objekte ging von Frankreich aus. Wie hat sich die Lage dort entwickelt?

Sarr: Glauben Sie mir, die Debatte in Deutschland ist interessanter als die in Frankreich. Dort ist seit unserem Bericht praktisch nichts passiert. Am 4. Juli gab es in Paris eine Konferenz, um über die nächste Stufe der Restitution zu beraten. Doch geschehen ist fast nichts. Okay, sie haben beschlossen, 26 Objekte aus Benin zu restituieren. Bénédicte Savoy und ich waren zu dieser Konferenz eingeladen, aber wir sind aus Protest nicht hingefahren.

ZEIT: Wo liegen die Ursachen der Stagnation?

Sarr: Viele wollen jetzt das Wort Restitution durch Zirkulation ersetzen. Damit will man die Frage nach dem Eigentum vermeiden, indem man sagt: Die Objekte sind universell. Wir dagegen kämpfen für den Begriff Restitution, denn es gibt da eine gesetzliche und eine historische Dimension. Restitution bedeutet: Jemand hat anderen etwas weggenommen, das jetzt zurückgegeben werden muss. Zirkulation kann nicht gut gehen, wenn einer alles hat und der andere nichts und der eine auch noch den ganzen Prozess kontrolliert. Deshalb haben wir gesagt: Zirkulation ja, aber erst wenn die Objekte restituiert worden sind.

ZEIT: Welche Beziehung haben Sie zu Ihrem Auftraggeber, Präsident Emmanuel Macron?

Sarr: Ich habe keine Beziehung zu Macron. In seiner berühmten Rede in Ouagadougou hat er mein Buch Afrotopia zitiert. Dort steht, dass man Afrika keinen Weg zu weisen braucht, sondern dass es seinen Weg selbst finden muss. Macron hingegen fragte in seiner Rede: Können wir, Franzosen und Afrikaner, diesen Weg Hand in Hand gehen? Als ich das hörte, ging ich sofort auf Distanz. Ich war von Macron überhaupt nicht überzeugt, ich hatte übrigens gerade mit meinem Freund Achille Mbembe einen sehr kritischen Artikel über den Einfluss Frankreichs in Afrika geschrieben. Als Macrons Mitarbeiter mich anriefen, wollte ich gar nicht antworten. Meine erste Reaktion war sehr vorsichtig. Ich fragte mich: Meinte Macron das ernst, oder war das nur eine politische Rede? Erst Bénédicte Savoy hat mich überredet mitzumachen. Ich willigte ein, aber nur unter der Bedingung, als Wissenschaftler frei und unabhängig von der Politik arbeiten zu können.

ZEIT: Wie haben Sie mit Bénédicte Savoy zusammengearbeitet?

Sarr: Wir waren ein exzellentes Tandem. Ich kannte Bénédicte vorher nicht. Es hätte schwierig werden können, aber wir fanden gut zusammen. Wir unternahmen eine Reise nach Afrika, nach Kamerun, Benin, in den Senegal, nach Mali. Bénédicte war vorher nie in Afrika gewesen. Sie wusste aber viel über die Objekte, die Kunstgeschichte.

ZEIT: Was war Ihr Anteil?

Sarr: Ich habe die Idee der Relationalität eingebracht: was die Restitution für die Afrikaner bedeutet, die afrikanische Geschichte, den Aufbau einer afrikanischen Identität. Wir wussten, dass die allermeisten Objekte ohne die Zustimmung der Kolonisierten mitgenommen wurden. Und das haben wir kritisiert.