Karl Müller ist ein Mann, dem Recht und Ordnung wichtig sind. Die Worte "Streik", "Klassenkampf" oder "Revolution" sind ihm hingegen ein Gräuel. Um in der ökonomischen Misere der Weimarer Republik zu überleben, heuert er bei der Polizei an: als Schupomann Karl Müller, wie die im Jahr 1924 veröffentlichte Erzählung der Autorin Hermynia zur Mühlen heißt. Doch bald wandelt der Beamte seine Ansichten. Als der rechtschaffene Bürger in der grünen Uniform gezwungen ist, Arbeiterstreiks mit dem Knüppel aufzulösen, als er seinen besten Freund, der sich kritisch zur Regierung äußert, verhaften muss, als er erkennt, dass er gekauft wurde, um die Ruhe der Reichen zu behüten, geht ihm ein Licht auf: "Hol’s der Teufel, wenn die Kommunisten recht haben sollten, dann werde ich zu ihnen halten."

Diese doch reichlich holzschnittartige Propagandaerzählung trug der Autorin ein Verfahren wegen Hochverrats vor dem Reichsgericht Leipzig ein. Von diesem Vorwurf wurde sie zwar freigesprochen, doch avancierte sie durch das öffentliche Spektakel endgültig zur "Genossin Gräfin", die, entgegen den Interessen ihrer Klasse, im Dienste der Weltrevolution tätig war.

Hermynia zur Mühlen, die noble Dame aus altösterreichischem Hochadel, die in die Niederungen des Proletariats hinabstieg und als Publizistin einen Bienenfleiß ohnegleichen an den Tag legte, war bis vor Kurzem so gut wie vergessen. Doch nun ist im Zsolnay Verlag eine elegante, vierbändige Werkausgabe im Schuber erschienen. Ausgewählt und kommentiert hat die Texte des monumentalen editorischen Unterfangens Ulrich Weinzierl, der langjährige Kultur-Korrespondent der FAZ in Wien. Was jetzt wiederveröffentlicht wurde, erläutert er, seien vielleicht 40 Prozent des Gesamtwerkes, das Feuilleton-Beiträge, Märchen, Krimis und große zeithistorische Romane, häufig mit kommunistischer Tendenz, immer aber mit antikapitalistischer und antifaschistischer Schlagseite, umfasse: "Ich musste mir das erst einmal ansehen und überlegen: Was davon kann man heute noch sinnvoll vorlegen?" Auch die kommunistische Phase gehöre zur Geschichte Hermynia zur Mühlens: "Erst wenn man das mitbedenkt, sieht man den ganzen Bogen: den ideologischen, aber auch den literarischen."

Aus gutem Grund hat Ulrich Weinzierl der Edition die Lebenserinnerungen Ende und Anfang vorangestellt, die 1929 veröffentlicht wurden und sich als großer Erfolg erwiesen – sie waren gewissermaßen die Geburt der Autorin als Schöpferin großer Prosatexte.

Die Autobiografie entfaltet das Panorama eines Lebens, das so fantastisch war, dass es kein Drehbuchautor sich hätte verblüffender ausdenken können. Hermynia zur Mühlen wurde 1883 als Hermine Isabelle Maria Gräfin Folliot de Crenneville in Wien geboren. Ihre Jugend verbrachte sie im Salzkammergut in der Obhut ihrer geliebten Großmutter. Als diese starb, begannen Lehr- und Wanderjahre im Schlepptau ihres Vaters, des Diplomaten Viktor Graf Folliot de Crenneville-Poutet, die sie bis nach Nordafrika und in den Nahen Osten führten.

Der politische Widerspruchswillen, den Hermynia schon früh zu erkennen gab, dürfte eine familiengeschichtliche Tradition haben: Schon ihr Onkel, Christoph Graf Wydenbruck, der Botschafter in Japan war, fiel oft durch kritisch-ironische Aperçus auf und galt im Außenministerium als der "rote Graf". 1908 vermählte sich die rebellische Aristokratin mit dem baltischen Adeligen Victor von zur Mühlen. Sehr zum Missfallen der Eltern: "Das waren vons, nicht einmal Barone", erzählt Ulrich Weinzierl. "Das hat den Papa sehr geärgert, der Mensch fing für ihn erst beim Baron an." Die nunmehrige Hermynia zur Mühlen – das "von" hatte sie aufgrund ihres schon damals erwachenden klassenkämpferischen Bewusstseins gestrichen – folgte ihrem Ehemann nach Estland und machte sich gleich unbeliebt: "Sie wollte das Gut der von zur Mühlens kollektivieren und in eine Kooperative für die Arbeiter verwandeln – so etwas gefällt einem baltischen Junker nicht unbedingt." Die Ehe ging krachend schief. 1913 kam es zur Scheidung, und bald darauf verließ Hermynia das Baltikum. Sie hatte sich mit Tuberkulose infiziert und zog nach Davos, wo sie in der würzigen Bergluft zu genesen hoffte.

In der Schweiz lernte sie den jüdischen Übersetzer und Journalisten Stefan Klein kennen, der ihr Liebhaber und später ihr zweiter Ehemann wurde. Da von ihrem ersten Gatten keine Schecks mehr zu erwarten waren, musste Hermynia zur Mühlen Geld verdienen. Und so begann, mitten in den Wirren des zu Ende gehenden Weltkrieges und der kommunistischen Erhebungen in Russland und Deutschland, ihre Laufbahn als Übersetzerin und Autorin. Gemeinsam mit Klein zog sie nach Frankfurt und stürzte sich in das, was man als ihr "kommunistisches Jahrzehnt" bezeichnen könnte. Sie trat der KPD bei, publizierte in sozialistischen und kommunistischen Zeitschriften und erfand ein eigenes Genre: Unter dem Titel Was Peterchens Freunde erzählen veröffentlichte sie proletarische Märchen, die in den kommunistischen Milieus einschlugen wie eine Bombe und noch Jahrzehnte später in der DDR nachgedruckt wurden.