Chance oder Risiko? – Seite 1

John Kay (70) lehrte Volkswirtschaft an der Universität Oxford, gründete die Denkfabrik Institute for Fiscal Studies in London und berät Unternehmen. Seit der Weltfinanzkrise interessiert ihn vor allem eine Frage: Wie soll man noch wirtschaften in einer Welt, in der sich immer weniger vorhersagen lässt?

DIE ZEIT: Sie sitzen gerade an einem Buch über "radikale Unsicherheit", gemeinsam mit dem ehemaligen britischen Notenbankchef Mervyn King. Sie beschreiben eine Welt, in der die Ökonomen mit ihren Modellen scheitern: Sie können kaum noch etwas vorhersagen.

John Kay: Ich bin mir nicht sicher, ob sie das jemals konnten. Viele Wirtschaftswissenschaftler glauben, dass man Risiken managen und Ereignisse vorhersagen kann, indem man mathematische Modelle baut, die die Welt abbilden. Und wenn das nicht klappt, schließt man daraus, dass die Modelle noch nicht kompliziert genug sind!

ZEIT: Sie glauben, dass man die Welt gar nicht in mathematischen Modellen abbilden kann?

Kay: Ökonomische Modelle können uns gute grundlegende Einsichten über komplizierte Situationen vermitteln, Geschichten erzählen, dafür sind sie großartig. Aber wie benutzt man Modelle richtig? Zuletzt haben wir mithilfe von Modellen leider ein Weltfinanzsystem samt Risikomanagement dafür aufgebaut, das uns vorgaukelt, wir wüssten praktisch alles über die Welt. Das hat in die Weltfinanzkrise geführt, die 2008 ausbrach. Die Sache fängt mit einem fundamentalen Missverständnis darüber an, was "Risiko" überhaupt ist.

ZEIT: Wie lautet dieses Missverständnis?

Kay: Es geht bis in die 1920er-Jahre zurück. Damals lief eine entscheidende Debatte zwischen den führenden Ökonomen der Epoche, und am Ende gewann die falsche Seite. John Maynard Keynes aus Cambridge und Frank Knight von der Chicago School argumentierten damals: Die Welt sei von "radikaler Unsicherheit" dominiert. Die meisten Dinge könnten wir nicht vorhersagen.

ZEIT: Knight fand das eher gut, Keynes hatte eher Angst davor …

Kay: Und dagegen hielten Frank Ramsey, ebenfalls aus Cambridge, und Jimmie Savage, der an mehreren US-Universitäten tätig war. Die beiden behaupteten, dass alle, wirklich sämtliche Unwägbarkeiten im Leben mithilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung bestimmt werden könnten. Das beherrscht bis heute das ökonomische Denken. Schon weil man mit dieser Annahme wunderbar mathematische Modelle bauen kann.

ZEIT: Zum Beispiel in der Versicherungswirtschaft, wo man Risiken kalkuliert, um sie mit Policen abzusichern. Oder bei Portfolios von Wertpapieren, die man so zusammenstellt, dass das Gesamtrisiko überschaubar bleibt.

Kay: Und? Bleibt es das? Eine der einflussreichsten Ideen dazu ist die Portfoliotheorie von Harry Markowitz …

ZEIT: … nach der man Wertpapiere so geschickt diversifizieren kann, dass man das Gesamtrisiko überschaut.

Kay: Markowitz sagt: Wie viel Risiko ein einzelner Anleger eingeht, hängt nicht von den einzelnen Wertpapieren ab, die er kauft, sondern von der Kombination aller Wertpapiere. Darauf wandte er dann die Wahrscheinlichkeitsrechnung an. Ja, und kürzlich wurde er von einem Journalisten gefragt: Wie haben Sie Ihre Altersrücklagen angelegt? Er sagte: Halb in Aktien, halb in Anleihen. Von der Portfoliotheorie hat er nichts erwähnt. Ich mache das ja auch so. Man entwickelt diese Modelle, um sie an Kunden zu verkaufen.

ZEIT: Glauben Sie, dass solche statistischen Verfahren in unserer globalisierten und beschleunigten Welt nichts mehr taugen?

Kay: Ich glaube schon an die Voraussetzung nicht: dass die Wahrscheinlichkeitsrechnung die meisten Entwicklungen beschreiben kann.

"Wir brauchen eine neue Ökonomie"

ZEIT: Aber wir treffen doch den ganzen Tag lang Entscheidungen, bei denen wir abschätzen, wie es um die Risiken und um die Erfolgschancen steht. Wenn ich Brötchen kaufen gehe, mache ich das auch deshalb, weil es sehr unwahrscheinlich ist, auf der Straße erschossen zu werden. Wenn ich meinen Urlaub in einem Resort für frisch verheiratete Ehepaare buche, rechne ich nicht damit, dort einen neuen Lebenspartner zu finden.

Kay: Beides ist aber nicht unmöglich, und man könnte Sie jetzt fragen: Würden Sie 500 Euro gegen einen Euro wetten, dass Sie in dem Resort doch einen neuen Lebenspartner finden? Oder 300 Euro? 200 Euro?

ZEIT: Und auf diese Weise herausfinden, wie ich das Risiko einschätze.

Kay: So machen das viele Ökonomen. Und Sie werden das rational abwägen und sagen: Seien Sie nicht albern!

ZEIT: Bitte?

Kay: Wenn Sie vernünftig sind, werden Sie mir die Wette ausschlagen und in eine Bar für Singles gehen. In solchen Situationen haben weder Sie noch ich genug Informationen, um die Situation beurteilen zu können. Und weder Sie noch ich wissen, was der andere weiß. Das gilt auch für fast alle Vorgänge an den Finanzmärkten, wo Informationen ungleich verteilt sind und man viele Dinge schlicht nicht beurteilen kann. Leider nehmen viele Ökonomen trotzdem an, dass an den Finanzmärkten überall auf alles gewettet wird und dass auf der Basis von Wahrscheinlichkeiten Preise gebildet werden. Daraus folgern sie, dass der Markt komplett ist. Bloß ist das alles unvereinbar mit vernünftigem Verhalten.

ZEIT: Haben Sie eine bessere Idee?

Kay: Wir brauchen eine neue Ökonomie, die unter Risiken wieder eher das versteht, was auch der Mann auf der Straße damit meint: nichts Ausgewogenes, sondern etwas eher Schlechtes im Vergleich zu bestimmten Plänen und Erwartungen. Niemand sagt: "Es besteht ein Risiko, dass ich im Lotto gewinne", so reden höchstens Statistiker. Es sagt auch niemand: "Es besteht ein Risiko, dass ich nicht im Lotto gewinne", weil man gar nicht davon ausgeht, zu gewinnen.

ZEIT: Wovon sprechen Sie stattdessen?

Kay: Wir sprechen von einer Erzählung: Die Leute haben eine Erwartung im Kopf, wie sich die Dinge entwickeln sollen. Ein Risiko ist, was diese Referenzerzählung stört. Unsicherheit ist, dass man einfach nicht weiß, was geschehen wird. Und das ist meistens der Fall! Radikale Unsicherheit macht den größten Teil der Welt aus.

ZEIT: Kein Mensch wird Sie als Anlageberater einstellen. Die Leute würden vor Angst eingehen.

Kay: Aber in Großbritannien empfehlen Ihnen Anlageberater derzeit, ein Portfolio mit "niedrigem Risiko" zu führen, in dem viele Anleihen stecken. Anleihekurse haben eine niedrige Volatilität. Bloß bringt ein 50-jähriger Bond, der die Inflation ausgleicht, derzeit minus 1,8 Prozent. Wenn Sie das so machen, vermeiden Sie jede Art von Unsicherheit: Sie werden garantiert einen miserablen Ruhestand genießen.

ZEIT: Darf ich mal fragen, wie Sie für den Ruhestand vorgesorgt haben?

Kay: Ich verrate Ihnen die Investmentstrategie meines Oxford-Colleges. Wir haben eine Menge Immobilien im Portfolio: Häuserblocks in Berlin, Grundstücke in der britischen Ortschaft Luton und ein Bürogebäude in San Francisco. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie die Gewinne aus diesen drei Anlagearten in 20 Jahren aussehen werden, aber ich weiß: Was diese Gewinne bestimmt, ist in allen drei Fällen sehr unterschiedlich.

"Es geht um die richtige Kombination"

ZEIT: Das klingt doch nach Portfoliotheorie …

Kay: … aber was ich eigentlich mache, ist etwas anderes. Ich formuliere eine robuste Referenzgeschichte, eine Erwartung an die kommenden Jahre. Und das Risiko, das gegen diese Referenzgeschichte steht, halte ich durch Diversifizierung im Schach. Ich stelle keine hoch mathematischen Kalkulationen mit erfundenen Verbindungen zwischen meinen drei Arten von Anlagen an.

ZEIT: Eigentlich sagen Sie: Managt Eure Finanzen mit gesundem Menschenverstand! Wird das modernen Erfordernissen gerecht?

Kay: Heute findet in Wertpapierhäusern, bei Zentralbanken, bei Versicherungen und in Unternehmen das Gegenteil statt. Da schaffen Ökonomen riesige und eigentlich irrelevante Modelle über Branchen oder ganze Volkswirtschaften. In einer Tabelle habe ich einmal einen Wert für die folgende Frage entdeckt: Wie viele Menschen werden an einem Freitag im Jahr 2036 zwischen 16 und 19 Uhr in einem Auto sitzen? Wir wissen doch nicht mal, ob es dann noch Autos gibt.

ZEIT: Wenn das alles überhaupt nicht funktionierte, wären alle Versicherer schon bankrott, und Prognoseinstitute lägen ständig grob daneben.

Kay: Es gibt leider nicht viel Gutes über die Vorhersagekraft dieser Art Modelle zu sagen.

ZEIT: Sie haben mal gesagt: Eine Welt voller radikaler Unsicherheit hat auch ihre Vorteile.

Kay: Ja, sicher. Unternehmertum, Kreativität, spannende Experimente und dergleichen entstehen nur in einer Welt, in der Überraschungen noch möglich sind. Nur ist das ein schrecklich missverstandenes Argument.

ZEIT: Was wird da missverstanden?

Kay: Es geht um die richtige Kombination. Ich glaube, dass Unwägbarkeiten eine gute, anregende Sache sind – solange das Risiko vom Scheitern der eigenen Lebenserwartungen nicht zu groß ist. Was man nicht will, sind Wirtschaftsordnungen, die extreme Stagnation festschreiben. Etwa als die Chinesen und Japaner vom 16. bis zum 19. Jahrhundert ihre Gesellschaften nach außen hin abschlossen. In der früheren DDR war es so ähnlich. Da gibt es kein Risiko mehr, aber auch keine Überraschungen.

ZEIT: Klingt so, als wünschten Sie sich eine Sozialdemokratie. Die Dynamik der Marktwirtschaft, aber ein Leben ohne soziale Totalabstürze.

Kay: Ja, zusammen mit einem belebenden Pluralismus in der Gesellschaft. Viele Gesellschaften haben da kollektiv sehr sinnvolle Systeme hervorgebracht. Dazu gehört auch, dass wir in Europa zumindest einen Teil der Altersvorsorge oder auch des Krankheitsrisikos kollektiv absichern. Nicht nur mit Versicherungen und an den Wertpapiermärkten.

ZEIT: In der Folge reden Sie hier einer radikalen Vereinfachung und auch einer deutlichen Verkleinerung der Wertpapiermärkte das Wort.

Kay: Die Finanzkrise ab 2008 hat uns das doch gelehrt: Wir brauchen nicht all diese komplexen Instrumente. Keinesfalls hilft uns die breite Streuung von Wertpapieren dabei, das Risiko von Zusammenbrüchen zu verhindern. Und wir lösen auch Europas Wirtschaftsprobleme nicht, indem wir einen vereinigten Kapitalmarkt an derivativen Wertpapieren aufbauen. Das wird immer nur dazu führen, dass Leute mit guten Informationen diese Wertpapiere auf andere Leute abschieben, die weniger davon verstehen. Und den Überblick hat dann keiner mehr.