ZEIT: Aber wir treffen doch den ganzen Tag lang Entscheidungen, bei denen wir abschätzen, wie es um die Risiken und um die Erfolgschancen steht. Wenn ich Brötchen kaufen gehe, mache ich das auch deshalb, weil es sehr unwahrscheinlich ist, auf der Straße erschossen zu werden. Wenn ich meinen Urlaub in einem Resort für frisch verheiratete Ehepaare buche, rechne ich nicht damit, dort einen neuen Lebenspartner zu finden.

Kay: Beides ist aber nicht unmöglich, und man könnte Sie jetzt fragen: Würden Sie 500 Euro gegen einen Euro wetten, dass Sie in dem Resort doch einen neuen Lebenspartner finden? Oder 300 Euro? 200 Euro?

ZEIT: Und auf diese Weise herausfinden, wie ich das Risiko einschätze.

Kay: So machen das viele Ökonomen. Und Sie werden das rational abwägen und sagen: Seien Sie nicht albern!

ZEIT: Bitte?

Kay: Wenn Sie vernünftig sind, werden Sie mir die Wette ausschlagen und in eine Bar für Singles gehen. In solchen Situationen haben weder Sie noch ich genug Informationen, um die Situation beurteilen zu können. Und weder Sie noch ich wissen, was der andere weiß. Das gilt auch für fast alle Vorgänge an den Finanzmärkten, wo Informationen ungleich verteilt sind und man viele Dinge schlicht nicht beurteilen kann. Leider nehmen viele Ökonomen trotzdem an, dass an den Finanzmärkten überall auf alles gewettet wird und dass auf der Basis von Wahrscheinlichkeiten Preise gebildet werden. Daraus folgern sie, dass der Markt komplett ist. Bloß ist das alles unvereinbar mit vernünftigem Verhalten.

ZEIT: Haben Sie eine bessere Idee?

Kay: Wir brauchen eine neue Ökonomie, die unter Risiken wieder eher das versteht, was auch der Mann auf der Straße damit meint: nichts Ausgewogenes, sondern etwas eher Schlechtes im Vergleich zu bestimmten Plänen und Erwartungen. Niemand sagt: "Es besteht ein Risiko, dass ich im Lotto gewinne", so reden höchstens Statistiker. Es sagt auch niemand: "Es besteht ein Risiko, dass ich nicht im Lotto gewinne", weil man gar nicht davon ausgeht, zu gewinnen.

ZEIT: Wovon sprechen Sie stattdessen?

Kay: Wir sprechen von einer Erzählung: Die Leute haben eine Erwartung im Kopf, wie sich die Dinge entwickeln sollen. Ein Risiko ist, was diese Referenzerzählung stört. Unsicherheit ist, dass man einfach nicht weiß, was geschehen wird. Und das ist meistens der Fall! Radikale Unsicherheit macht den größten Teil der Welt aus.

ZEIT: Kein Mensch wird Sie als Anlageberater einstellen. Die Leute würden vor Angst eingehen.

Kay: Aber in Großbritannien empfehlen Ihnen Anlageberater derzeit, ein Portfolio mit "niedrigem Risiko" zu führen, in dem viele Anleihen stecken. Anleihekurse haben eine niedrige Volatilität. Bloß bringt ein 50-jähriger Bond, der die Inflation ausgleicht, derzeit minus 1,8 Prozent. Wenn Sie das so machen, vermeiden Sie jede Art von Unsicherheit: Sie werden garantiert einen miserablen Ruhestand genießen.

ZEIT: Darf ich mal fragen, wie Sie für den Ruhestand vorgesorgt haben?

Kay: Ich verrate Ihnen die Investmentstrategie meines Oxford-Colleges. Wir haben eine Menge Immobilien im Portfolio: Häuserblocks in Berlin, Grundstücke in der britischen Ortschaft Luton und ein Bürogebäude in San Francisco. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie die Gewinne aus diesen drei Anlagearten in 20 Jahren aussehen werden, aber ich weiß: Was diese Gewinne bestimmt, ist in allen drei Fällen sehr unterschiedlich.