ZEIT: Das klingt doch nach Portfoliotheorie …

Kay: … aber was ich eigentlich mache, ist etwas anderes. Ich formuliere eine robuste Referenzgeschichte, eine Erwartung an die kommenden Jahre. Und das Risiko, das gegen diese Referenzgeschichte steht, halte ich durch Diversifizierung im Schach. Ich stelle keine hoch mathematischen Kalkulationen mit erfundenen Verbindungen zwischen meinen drei Arten von Anlagen an.

ZEIT: Eigentlich sagen Sie: Managt Eure Finanzen mit gesundem Menschenverstand! Wird das modernen Erfordernissen gerecht?

Kay: Heute findet in Wertpapierhäusern, bei Zentralbanken, bei Versicherungen und in Unternehmen das Gegenteil statt. Da schaffen Ökonomen riesige und eigentlich irrelevante Modelle über Branchen oder ganze Volkswirtschaften. In einer Tabelle habe ich einmal einen Wert für die folgende Frage entdeckt: Wie viele Menschen werden an einem Freitag im Jahr 2036 zwischen 16 und 19 Uhr in einem Auto sitzen? Wir wissen doch nicht mal, ob es dann noch Autos gibt.

ZEIT: Wenn das alles überhaupt nicht funktionierte, wären alle Versicherer schon bankrott, und Prognoseinstitute lägen ständig grob daneben.

Kay: Es gibt leider nicht viel Gutes über die Vorhersagekraft dieser Art Modelle zu sagen.

ZEIT: Sie haben mal gesagt: Eine Welt voller radikaler Unsicherheit hat auch ihre Vorteile.

Kay: Ja, sicher. Unternehmertum, Kreativität, spannende Experimente und dergleichen entstehen nur in einer Welt, in der Überraschungen noch möglich sind. Nur ist das ein schrecklich missverstandenes Argument.

ZEIT: Was wird da missverstanden?

Kay: Es geht um die richtige Kombination. Ich glaube, dass Unwägbarkeiten eine gute, anregende Sache sind – solange das Risiko vom Scheitern der eigenen Lebenserwartungen nicht zu groß ist. Was man nicht will, sind Wirtschaftsordnungen, die extreme Stagnation festschreiben. Etwa als die Chinesen und Japaner vom 16. bis zum 19. Jahrhundert ihre Gesellschaften nach außen hin abschlossen. In der früheren DDR war es so ähnlich. Da gibt es kein Risiko mehr, aber auch keine Überraschungen.

ZEIT: Klingt so, als wünschten Sie sich eine Sozialdemokratie. Die Dynamik der Marktwirtschaft, aber ein Leben ohne soziale Totalabstürze.

Kay: Ja, zusammen mit einem belebenden Pluralismus in der Gesellschaft. Viele Gesellschaften haben da kollektiv sehr sinnvolle Systeme hervorgebracht. Dazu gehört auch, dass wir in Europa zumindest einen Teil der Altersvorsorge oder auch des Krankheitsrisikos kollektiv absichern. Nicht nur mit Versicherungen und an den Wertpapiermärkten.

ZEIT: In der Folge reden Sie hier einer radikalen Vereinfachung und auch einer deutlichen Verkleinerung der Wertpapiermärkte das Wort.

Kay: Die Finanzkrise ab 2008 hat uns das doch gelehrt: Wir brauchen nicht all diese komplexen Instrumente. Keinesfalls hilft uns die breite Streuung von Wertpapieren dabei, das Risiko von Zusammenbrüchen zu verhindern. Und wir lösen auch Europas Wirtschaftsprobleme nicht, indem wir einen vereinigten Kapitalmarkt an derivativen Wertpapieren aufbauen. Das wird immer nur dazu führen, dass Leute mit guten Informationen diese Wertpapiere auf andere Leute abschieben, die weniger davon verstehen. Und den Überblick hat dann keiner mehr.