Die katholische Kirche ist Kirche der Freiheit – oder sie ist nicht. Das mag für viele eine Provokation sein: für diejenigen, die Freiheit an vielen Orten, nur nicht in der katholischen Kirche finden, ebenso wie für konservative Katholiken, die statt der Freiheit den Gehorsam in der Kirche betonen.

Die katholische Kirche wird nur dann der Botschaft Jesu gerecht, wenn sie das wird, was sie immer schon sein wollte und sollte: Kirche der Freiheit. Kirche sei erst dann Kirche für die Menschen, wenn sie Raum der Freiheit ist, "die einen aufatmen lässt und nicht bedrückt", so der frühere Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle. Hemmerle formulierte auch unmissverständlich, dass dieser Anspruch sich in der institutionellen Praxis der Kirche bewähren müsse – und nicht nur in Sonntagsreden – und dass dies seinen Preis habe. Wenn die Kirche Menschen zur Freiheit befähigt und ermutigt, dann stellt dies die Autorität, die Macht und die Selbstinzenierung der Kirche infrage.

© privat

Die gegenwärtige Krise der katholischen Kirche ist der Tatsache geschuldet, dass die Kirche in ihrem Reden und Handeln erstens nicht jenem Hunger nach Freiheit gerecht wird, die einen aufatmen lässt und nicht bedrückt. Zweitens gibt sie nicht der Sehnsucht der Freiheit nach Gemeinschaft Raum, die nicht nur pastoral verordnet ist, sondern in der jede und jeder als er oder sie selbst ernst und angenommen wird. Drittens vertraut sie nicht der Suche der Freiheit des Gewissens, die eben auch nach Lebensfreude strebt und nicht nur nach Ge- und Verboten. Besonders schwer wiegt das Versagen, ja die Schuld, da Schutzbefohlene ihrer Freiheit beraubt und missbraucht worden sind und dies vertuscht worden ist.

In dieser Krisensituation kommt den katholischen Akademien als Thinktanks der Kirche eine wichtige Rolle zu. Sie müssen mehr als akademische Denkwerkstätten und Diskursorte sein, sondern "Spielräume", in denen Freiheit in besonderer Weise verwirklicht wird – für Katholiken und solche, die es nie werden wollen.

Was dies konkret bedeutet, will ich am Beispiel der Katholischen Akademie Hamburg an fünf Themenfeldern aufzeigen, an denen offenkundig wird, welche Herausforderung sich für die katholische Kirche mit dem Anspruch verbindet, Kirche der Freiheit zu sein, und wie schmerzhaft diese Freiheit sein kann.

1. Da ist zunächst das komplizierte Verhältnis der katholischen Kirche zu Lesben und Schwulen. Eine Geschichte der Missachtung und des mangelnden Respekts seitens der Kirche und mancher ihrer Repräsentanten hat viele Lesben und Schwule verletzt und tut dies bis heute.

Viele gleichgeschlechtliche Paare, die ihr Leben in einer Partnerschaft führen, erfahren die Verweigerung einer kirchlichen Trauung oder auch die drohende Entlassung aus dem kirchlichen Dienst nach ihrer Eheschließung als eine Zurückweisung als Lesben und Schwule.

Vor diesem Hintergrund haben die beiden katholischen Akademien der Diözesen Hamburg und Osnabrück mit der Fachtagung zu der Frage, wie gleichgeschlechtliche Paare angemessen seelsorglich begleitet werden können, ein keineswegs selbstverständliches Forum der dringend notwendigen innerkirchlichen Reflexion und Debatte eröffnet.

Zur Redlichkeit gehört es aber auch, sich einzugestehen, dass das, was kirchlich ein großer Schritt ist, für viele Schwule und Lesben eine erneute Diskriminierung bedeutet. Denn dass wir seitens der Kirche über die Möglichkeiten eines Segens für diese Paare kontrovers diskutieren, statt ihnen die volle Anerkennung zuteilwerden zu lassen, indem eine kirchliche Trauung möglich wird, ist für viele nur eine weitere Demütigung. Gleichzeitig zeigt sich hier die Schmerzgrenze, die die katholische Kirche leider noch nicht zu überschreiten bereit ist.