Patrik Schwarz, geschäftsführender Redakteur der ZEIT, hat in der Ausgabe von Christ&Welt vom 4. Juli 2019 die kecke Behauptung aufgestellt, die katholischen Akademien befänden sich in einer tiefen Krise. Diese Einlassung überrascht und soll offenkundig eine Diskussion provozieren.

Konkret wirft er den Akademien vor, sie verstünden sich viel zu lange schon "als Hinterherträger anderswo gedachter und ausgesprochener Wahrheiten ..., statt Vordenker zu sein". Unterschiedslos diagnostiziert er für alle Akademien "Wirklichkeits- und Wahrnehmungsscheu", die er als "Verrat durch Vernachlässigung gegenüber der Kirche" geißelt und als Mutlosigkeit, gegenüber der Macht der Hierarchie den Mund aufzumachen.

Diese Sicht auf die katholischen Akademien teile ich nicht. Sie sollten sich nicht als "Vordenker" missverstehen und schon gar nicht als Bastionen kirchenpolitischen und kritischen Widerspruchs, die sich im Bündnis mit der Basis gegen die Hierarchie profilieren und positionieren. Patrik Schwarz bleibt hier im Bannkreis einer überkommenen emanzipatorisch-kritischen Intellektualitätsrhetorik gefangen, die mit den Vordenkern einen heroischen Avantgarde- und Elitengestus bemüht, der den katholischen Akademien aus guten Gründen wesensfremd ist. Vordenker gehören zur Selbsterhöhung von politischen Parteien (zum Beispiel Gregor Gysi, Die Linke; Marc Jongen, AfD) oder finden sich in der Selbstbewerbung der (digitalen) Wirtschaft.

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Akademien aber sind keine Kanzeln für Vordenker, die anderen die Welt erklären, sondern Orte geteilten Nachdenkens, an denen Glaubende und Nichtglaubende, Laien und Experten, Hierarchie und Basis über die Grenzen ihrer weltanschaulichen, religiösen oder politischen Positionen hinaus in ein Gespräch kommen. Auch sind Akademien keine kirchenpolitischen Akteure, und es ist und war nie ihre Aufgabe, einfachhin Position zu beziehen.

Es kommt ihnen vielmehr zu, in wichtigen Fragen von Religion, Kultur und Politik die Vielfalt von innerkirchlichen und außerkirchlichen Positionen streitbar so auszutragen, dass die Botschaft des Evangeliums und der katholischen Tradition in und durch das Gespräch hindurch mehr und mehr erkennbar werden und sie an Klarheit und Erschließungskraft gewinnen. Wenn dabei die kirchlichen Positionen ihrerseits sich ihrer eigenen Verkürzungen, Borniertheiten und Verkrustungen selbstkritisch bewusst werden, umso besser!

Dieser Aufgabe kommen die katholischen Akademien in Deutschland nach, und die vier Kolleginnen und Kollegen haben in ihrem Beitrag vom 4. Juli 2019 die Eckdaten und die wesentlichen Themen markiert, an denen sich ihre gegenwärtige Arbeit orientiert. Ob und wie wirkmächtig die Arbeit der Akademien in der medialen Öffentlichkeit ist, darüber lässt sich viel und trefflich streiten. Unstrittig aber ist, dass zu den verlässlichen Indikatoren für eine erfolgreiche Arbeit die Vielfalt und die Reputation der säkularen wie religiösen Institutionen in Kultur und Politik gehören, mit denen die Akademien an der Beantwortung und Klärung gemeinsamer Sachfragen arbeiten.

Nicht nur für Berlin dürfte zutreffen, dass politische Parteien und religiöse Institutionen, politische oder freie Stiftungen, Verlage, Theater, Kinos und Kulturverbände gerne und regelmäßig mit katholischen Akademien zusammenarbeiten. Dabei schätzen sie die Akademien nach meiner Erfahrung nicht als Orte wegweisender Eliten, sondern vor allem als Räume jener katholischen Intellektualität, die ein – so Franz-Xaver Kaufmann sehr treffend – "erworbene[r] Habitus" ist, "welcher einerseits von katholischen Traditionen des Glaubens, Wissens, Handelns und Streitens geprägt ist, andererseits über wissenschaftliche oder künstlerische Kompetenzen verfügt, um beides aufeinander zu beziehen und im Hinblick auf konkrete Probleme zu aktualisieren".