Es gibt ein Schaubild, das die drohende Klimakatastrophe und das Versagen der Menschheit in einem einzigen Bild zusammenfasst, Keeling-Kurve heißt es. Sie stellt die Konzentration von CO₂ in der Luft dar, seit 1958. Damals lag die Konzentration bei unter 320 ppm (parts per million), heute bei 415 ppm. Die Einheit – parts per million – ist kompliziert, einfacher zu verstehen ist, welchem Trend die Kurve seit ihrem Anfang folgt: steil nach oben.

Die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaften, hat die Keeling-Kurve jetzt auf die erste Seite ihrer Stellungnahme zum Klimaschutz gedruckt, die am Dienstag erschienen ist. Die beschäftigt sich mit den Klimazielen Deutschlands. Die Keeling-Kurve ist sowohl ein Zeugnis des Scheiterns als auch eindringliche Warnung.

Seit 1652 gibt es die Leopoldina, sie ist eine ehrwürdige Versammlung der klügsten Köpfe des Landes. Mit der Stellungnahme schaltet sie sich ein in eine politische Debatte, die seit Monaten tobt: den Streit um den Klimaschutz. Die knapp 27 Seiten sind an die Politik und die Öffentlichkeit gerichtet. Für die deutsche Regierung sind sie einerseits ein klarer Ausdruck ihres bisherigen Versagens, aber auch ein Arbeitsauftrag. Denn was die 14 Autorinnen und Autoren schreiben, ist so klar, deutlich und dringlich formuliert, dabei wissenschaftlich fundiert, wie man es selten liest.

Die Autoren fordern "einen unmittelbaren Transformationsschub", ausgelöst durch einen Preis für Kohlenstoff. Der müsse kommen, und zwar so schnell wie möglich. In den Worten der Akademie als "unverrückbare klimapolitische Strategie". Sonst ließen sich die Klimaschutzziele bis 2030 nie und nimmer einhalten. Er solle für alle Sektoren von Verkehr über Energie bis hin zur Industrie gelten, und er müsse deutlich über den 25 Euro pro Tonne liegen, die heute im europäischen Emissionshandel erzielt werden. Die momentanen Ungerechtigkeiten für die Bürger sollen abgeschafft werden, etwa die Stromsteuer, die vor allem kleinere Einkommen belastet und viele Ausnahmen für energieintensive Industrien macht.

Klimawandel - Es ist schlimmer als bisher befürchtet Unser Planet heizt sich auf. Gletscher, Schnee und Dauerfrostböden tauen. Unser Video zeigt, wo Sie dem Klimawandel zuschauen können. © Foto: Zeit Online

Was der richtige Weg zu den Klimazielen 2030 ist – eine Steuer oder ein ausgebauter Handel mit Emissionszertifikaten –, steht nicht im Papier. Die Akademie ergreift nicht Partei in Detailfragen, sondern fordert von der Politik, die Leitplanken richtig zu setzen. Zu regeln, welche Technologie sich durchsetzt, etwa bei der Frage nach dem richtigen Energiespeicher, ist Aufgabe des Marktes, wenn die Rahmenbedingungen gut gesetzt sind. Darin steckt ein tiefes Vertrauen in die gestaltende Kraft des Kapitalismus.

Die Bereitschaft der Bevölkerung, Entscheidungen zum Klimaschutz mitzutragen, war noch nie so groß wie heute, finden die Forscher. Das zeigte der Erfolg der Grünen bei der Europawahl. Wichtig dabei sei, die Einnahmen wieder transparent in Klimaschutz zu reinvestieren und die Belastung sozial gerecht zu verteilen.

Neben der moralisch-ethischen Frage nennen die Autorinnen und Autoren ein finanzielles Argument für schnelle Maßnahmen: das Nichtstun sei teurer als die Transformation. Wenn Deutschland seine Klimaziele verfehlt, müsste es nach EU-Recht bis 2030 geschätzt 62 Milliarden Euro zahlen. Als Strafe dafür, dass es seine Zusagen nicht einhält. Viel Geld, das man anders verwenden könnte, zum Beispiel für den Klimaschutz. Der Geologe Gerald Haug, einer der Sprecher der Arbeitsgruppe, die das Papier geschrieben hat, sagt: "Ich finde es sinnvoller, das Geld in die eigene Infrastruktur zu stecken und in einen Umbau des Systems zu investieren, als später für die Nichteinhaltung unserer Verpflichtungen zu bezahlen."

Aufgaben, für die diese Investitionen benötigt werden, gibt es einige: das Energiesystem dezentralisieren, in erneuerbare Energien investieren, das Stromnetz modernisieren, es intelligent vernetzen. Im Verkehr, vor allem bei den Öffentlichen, auf der Schiene und beim Transport von Gütern, auf Elektrifizierung setzen, intelligente Mobilität möglich machen, statt die Bürger zum eigenen Pkw zu animieren, im Straßenverkehr Hybridlösungen fördern und in regionale Produktion investieren – die Aufgabenliste für die Politik erscheint lang. Aber unmöglich ist die Transformation nicht. "Mit unseren bestehenden Technologien könnten wir unsere Emissionen um 80 Prozent reduzieren, und es würde gar nicht so wehtun", behauptet Gerald Haug. Er bezieht sich dabei auf Studien, die belegen, dass solch eine Reduktion gelingen könnte, wenn etwa die Energiewende beschleunigt würde, mehr Gebäude saniert und mehr Wohnungen mit erneuerbarer Energie beheizt würden. Kosten verursachte das natürlich trotzdem.

Für die Wirtschaft, schreibt die Akademie, sei die Transformation aber auch eine Chance. Denn das Pariser Klimaschutzabkommen haben 194 Staaten unterzeichnet – und die suchen nach technischen Lösungen, um ihren Ausstoß an Treibhausgasen zu reduzieren.

Wenn man die Keeling-Kurve, die bislang nur einem Trend folgt, zehn Jahre in die Zukunft projiziert, landet man bei 450 ppm. Das letzte Mal, dass so viel Treibhausgas in der Atmosphäre war, ist drei Millionen Jahre her. Menschen gab es damals noch nicht, nur behaarte Primaten. Die nördliche Halbkugel war damals praktisch eisfrei, der Meeresspiegel um mindestens sieben Meter höher. Das Zwei-Grad-Ziel von Paris wäre dann nicht mehr zu erreichen. Teile der Welt wären unbewohnbar, Menschen aus ihrer Heimat vertrieben – so schreibt es die Akademie. Noch gibt es kein Schaubild, das dieses Szenario vermittelt. Die Welt wäre für uns angenehmer, wenn wir es nicht bräuchten.