Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, war, so viel ist bekannt, ein strammer Katholik. Dass auch die Überlieferung seines Lebens nach einer strikten katholischen Choreografie abläuft, dafür hat "der Alte", wie man ihn seinerzeit nannte, schon zu Lebzeiten gesorgt. Dass ihn stets etwas Geheimnisvolles umwehte, hinter dem man Größeres vermutete, war also Konzept. Erdacht von einem pragmatischen Meisterstrategen – ihm selbst. Je mehr man über Konrad Adenauer liest, desto schemenhafter und widersprüchlicher erscheint er.

Seit seinem Amtsantritt 1949 bildete sich eine ganze Phalanx von Biografen um ihn herum, sie alle verstärkten nur Legendenbildungen. Heute gleicht das Leben Adenauers einem modernen Digitalfoto: als entstehe ein Leben erst durch das Zusammensetzen zahlloser einzelner Pixel, die im Falle des Altkanzlers aus unzähligen Anekdoten bestehen. Erst alles zusammen ergibt das Gesamtbild, das die Deutschen und die Welt vom ersten Kanzler nach dem Ende des Dritten Reichs haben. Adenauer ist und bleibt ein Mythos. Er hat die Erzählung seines Lebens nie aus der Hand gegeben. Als er im hohen Alter seine Erinnerungen in Buchform herausgibt, beginnen diese mit dem Jahr 1945, damals war er bereits 69 Jahre alt. Die Zeit davor hüllt er in Schweigen.

Selbst gegenüber der eigenen Familie sprach er so gut wie nie über die Jahre vor 1945. Adenauer war selbst im privaten Rahmen nicht privat. Das zeigen auch die Fotos, die man von Adenauer kennt. Immer stocksteif. Nur manchmal fällt er auf Bildern aus seiner inszenierten Rolle. Etwa als er in seinem Feriendomizil Cadenabbia am Comer See mit dem Porträtmaler Oskar Kokoschka nach getaner Arbeit scherzend auf der Wiese lungert oder mit ihm Whisky trinkt. Zugeknöpft war er stets, es sei denn, er lockerte nach einem verlorenen Boccia-Spiel den Krawattenknoten, um seinem Ärger Luft zu verschaffen, was selten vorkam, denn meistens ließen ihn seine Gegner gewinnen.

Der Indianer, der keinen Schmerz kennt – dieses Bild verfestigte sich in der Geschichte endgültig, nachdem er sich mit einem Häuptlings-Kopfschmuck ablichten ließ.

Dieses Ein-Mann-Kunstwerk bekommt nun Risse durch eine kleine Ausstellung im Eifelkloster Maria Laach, unweit von Andernach am See gelegen. In dieser Abtei suchte Konrad Adenauer 1933 politischen Schutz und spirituelle Stütze in der größten existenziellen Krise seines Lebens, in der er sogar zeitweise an Selbstmord dachte. Was war passiert? In den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts avancierte der Jurist zu einem bedeutenden Politiker der katholischen Zentrumspartei, der die Geschicke der Weimarer Republik etwa als Präsident des Preußischen Staatsrates maßgeblich mitbestimmte. Adenauer nimmt an den Friedensverhandlungen mit den westlichen Siegermächten in Versailles teil, das werden die Nationalsozialisten später gegen ihn verwenden. Seit 1917 fungierte er als Oberbürgermeister der Stadt Köln, bis ihn die Nazis 1933 aus dem Amt jagten.

Philipp Lohse, von Haus aus Politologe, ist kaufmännischer Leiter des alten Salierklosters Maria Laach, das heute mit seiner Gärtnerei eine florierende Benediktinerabtei ist. Er hat die Ausstellung "Glaube und Politik – Konrad Adenauer und die Abtei Maria Laach" initiiert. Anlass war die 70. Wiederkehr der Kanzlerschaft in Verbindung mit 70 Jahren Grundgesetz: "Wir wollen mit dieser Ausstellung belegen, dass seine Verbindung zu dieser Abtei viel enger war und auch später in seiner Zeit als Bundeskanzler noch nachwirkte."

Diese langjährige Beziehung zum Kloster, in dem später auch Hochzeiten der Familie Adenauer stattfinden sollten, beruhte auf einer alten Schulfreundschaft zwischen Konrad Adenauer und dem Abt Ildefons Herwegen, der das Amt seit 1913 innehatte. Mitte der 1880er-Jahre besuchten sie gemeinsam das Königlich Katholische Gymnasium an der Apostelkirche in Köln. Herwegen wechselte dann zwar in ein Internat in die Steiermark, als Adenauer jedoch Kölner Oberbürgermeister wurde, lebte die Beziehung wieder auf. In einem Dankesbrief an seinen Schulfreund, der ihm im Namen der Abtei zur Wahl gratulierte, schreibt er: "Ich habe den starken Vorsatz, dann und wann, wenn mir meine Zeit es erlaubt, für einige Zeit Deine Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen, um in der Stille Deines Klosters alsdann die Sammlung wiederzugewinnen, die in meiner Stellung so leicht verloren geht."

Als dann die Stellung als Oberbürgermeister gar selbst verloren ging, traf das den preußisch pflichtbewussten Politiker wie ein Schock. In seiner Stadt Köln äußerst beliebt – einige ökologische und soziale Großprojekte wären sogar heute noch vorbildhaft –, war er bei den Nazis unter anderem dadurch verhasst, dass er sich weigerte, in der Stadt nach der Machtübernahme die Hakenkreuzfahnen zu hissen und stattdessen die kölnische Stadtfahne flattern ließ.