Frage: Herr Adenauer, Sie sind ein Enkel des Gründervaters der Bundesrepublik. Wie lebt es sich mit diesem großen Namen?

Konrad Adenauer: Als mein Großvater 1949 Bundeskanzler wurde, war ich vier Jahre alt. Von da an brauchte meine Familie nirgends mehr Klinken zu putzen, um in der Gesellschaft zu reüssieren. Sein Name wird immer an die ältesten Söhne unserer Familie weitergereicht. Wenn man so heißt, erwarten die Leute allerdings auch, dass man dem großen Vorbild entspricht. Das kann schon manchmal sehr belastend sein. Ich musste in der Schule immer der Beste sein. Wenn ich mal eine Drei oder Vier schrieb, sagten die Lehrer: "Ein Konrad Adenauer kann sich das nicht leisten."

Frage: In der deutschen Geschichte war der Name für Ihre Vorfahren nicht immer von Vorteil.

Adenauer: Natürlich, im Dritten Reich war der Name sehr nachteilig, besonders für meinen Vater. Als Sohn eines Hitlergegners, den die Nazis aus dem Amt des Kölner Bürgermeisters abgesetzt hatten, konnten sich seine Berufswünsche nicht erfüllen. Wir waren immer eine sehr politische Familie.

Frage: Wie viele Mitglieder in der Familie sind denn in die Politik gegangen?

Adenauer: In die Kommunalpolitik einige. Ich war zum Beispiel CDU-Stadtrat in Köln. Einen zweiten Adenauer im Bundestag hat die Partei aber nicht gerne gesehen und gefördert. Dazu stand der Mythos des Alten doch zu übermächtig im Raum.

Frage: Worauf gründet sich dieser Mythos?

Adenauer: Die Adenauer-Republik ist ein fester Begriff unter Historikern. Sie steht für die Westbindung, den europäischen Gedanken und fußte auf einem streng katholischen Wertekodex.

Frage: Viele verbinden mit Adenauer auch den kleinbürgerlichen Fünfzigerjahre-Mief, sittenstrenge Enge und eine allzu weit gefasste Toleranz gegenüber alten Nazis, denen Ihr Großvater durchaus eine zweite Chance gab.

Adenauer: Sie können nicht zehn Millionen Deutsche aus einer sich gerade erst bildenden Demokratie ausschließen. Dazu gehörten eben auch die Eliten, die sich dem Unrechtsstaat angedient hatten. Mein Großvater hatte erfahren, was es hieß, sämtliche materiellen Grundlagen zu verlieren und ins gesellschaftliche Aus gestoßen zu werden, und wollte diesen Fehler nicht an anderen wiederholen. Einbindung war das Wesen seiner Politik, der Menschen im Land und des Landes in Europa. Er war eben auch ein gläubiger Katholik.

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Frage: Der politische Katholizismus der Bonner Republik ist Geschichte. Was würde Ihr Großvater heute zu dieser Berliner Republik sagen?

Adenauer: Er war als Vorsitzender des Preußischen Staatsrates in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts ja häufig in Berlin, hatte dort auch eine Wohnung. Gegen das sittenlose Sündenbabel der Weimarer Republik hatte er eine starke Abneigung. Er warnte meinen Vater stets vor den "aufgeputzten Frauen".

Frage: Aber Ihr Großvater war doch auch Kölner! Und denen sagt man doch mit ihrem "Jeder Jeck ist anders" eine große Spannbreite in Toleranz nach und einen eher lockeren Umgang mit den strikten Dogmen des Katholizismus.

Adenauer: Wie es in dem Millowitsch-Schlager heißt: "Wir sind alle kleine Sünderlein", und deswegen kann man ein Auge zudrücken. Aber das war nicht die Haltung dieses ordnungsliebenden und stets kontrollierten Juristen.

Frage: War Ihr Großvater ein Misanthrop?

Adenauer: Er hatte keine allzu hohe Meinung von seinen Mitmenschen, vor allem nicht, was ihre moralische Integrität anging. Er wusste sehr gut, mit Verfehlungen anderer umzugehen und sie sich zunutze zu machen. So manchen Minister konnte er dadurch in Schach halten, dass er etwas gegen ihn in der Hand hatte.

Frage: Als er auf die Homosexualität seines Außenministers Heinrich von Brentano hingewiesen wurde, soll er laut Anekdoten relativ gelassen reagiert haben ...

Adenauer: Ja, diese Anekdote gibt es, nach der er gesagt haben soll: "Mich hat er noch nicht angefasst."

Er hatte keine allzu hohe Meinung von seinen Mitmenschen, vor allem, was ihre moralische Integrität anging.

Frage: Wie hätte er es aufgenommen, dass eine christdemokratisch geführte Regierung die gleichgeschlechtliche Ehe gesetzlich erlaubt?

Adenauer: Das hätte ihn entsetzt. Aber damals war das ja auch noch undenkbar. Homosexualität stand ja mit dem Paragrafen 175 noch gesetzlich unter Strafe. Solche Lebensbünde allerdings als Ehe zu definieren, hätte er für absurd gehalten. Für ihn war die Ehe klassisch christlich definiert.