Der Pflegenotstand muss dramatisch sein. Zumindest entnehme ich das dem Magazin Séduction, das meiner Tageszeitung beilag und das die Anschaffung weiterer Pflegeprodukte propagiert. Eine Beauty-Expertin verrät dort, dass Platin in die "Life-Lotion" von La Prairie gehöre, weil "König Ludwig XVI. beschloss, Platin als einziges Metall für Tische und Frisierkommoden in Versailles zu verwenden" (115 ml, um 577 Euro). Man preist "Signature Treatments" in R. Raphaels "Temple of Beauty" an, die "alles bieten, was schön, teuer und vor allem auch extrem effektiv ist" (2,5 Stunden für 2200 Euro). Und man lernt, dass es ungerecht sei, wenn man "seinem Gesicht den Luxus eines Serums gönnt und dem Körper nur eine Creme" (Abhilfe: Fine Body Serum, 200 ml, um 44 Euro). In dieser Welt vollbringen Shampoos mehr Repair-Leistungen als jede Autowerkstatt.

Ich würde niemandem unterstellen, dass das nicht stimmt. Wahrscheinlich ist all das wirklich notwendig. Aber ich weiß auch: Der Kapitalismus ist ein Biest. Sein Wachstumsdogma (Mehr! Mehr! Mehr!) treibt Menschen zu Höchstleistungen, was auch heißen kann: zu höchsten Konsumleistungen. Aus "Mehr" wird erst "Viel mehr", dann "Zu viel" – und schließlich eine Diagnose: periorale Dermatitis. Aufgrund einer Überversorgung der Haut mit Pflegeprodukten. Dann nämlich können die Mittelchen genau das auslösen, was sie zu verhindern vorgeben: entzündliche Hautveränderungen mit Bläschen und Knötchen, oft in der Mundgegend und meist bei Frauen zwischen 16 und 45 Jahren.

Es ist die Rache der Überflussgesellschaft. Glücklicherweise ist die Plage meist nicht von Dauer und verschwindet, wenn man seiner Haut eine Kosmetik-Auszeit gönnt. Danach kann alles von vorn beginnen. Denn nur auf den Ruinen des Alten kann Neues entstehen. Das Fundament ist schnell gelegt. Beziehungsweise: die Foundation.