Was macht ein wissenschaftliches Gutachten politisch glaubwürdig? Der Umfang der Stellungnahme? Ihre Dringlichkeit? Die Zahl der Autoren? Der Glanz ihrer Titel? Was sorgt dafür, dass ein Papier nicht in einer ministeriellen Schublade verschwindet?

Ganz gewiss kein Fall für die Schublade ist jenes Papier, das die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaften, am Dienstag zur deutschen Klimapolitik vorgelegt hat. Das Bemerkenswerte an ihm ist sein Ton: deutlich, kritisch und ermutigend zugleich.

Forscher sind vorsichtige Menschen, Meister der Relativierung. Statt Position zu beziehen, verweisen sie gern auf die Vorläufigkeit und Unvollständigkeit ihres Wissens – und bleiben im Ungefähren. Anders die 14 Mitglieder der Arbeitsgruppe zur Klimapolitik: Unmissverständlich prangern sie das zögerliche Handeln, das Verfehlen der selbst gesteckten Ziele, das Versagen der deutschen Politik an. Und glasklar formuliert ist ihre Schlussfolgerung: Ein "unmittelbarer Transformationsschub" müsse her. Jetzt. Heute. Nicht erst im nächsten Jahr und schon gar nicht in irgendeiner politisch womöglich opportuneren Zukunft.

Klimaschutz wird teuer? Teuer wird vor allem das Nichtstun

Die Wissenschaftler verweisen zu Recht auf einen schärfer werdenden "Generationenkonflikt" um die Frage künftiger Lebensbedingungen für Greta & Co. Sie berechnen mahnend die möglichen Kosten eines business as usual für Deutschland: Allein für die Nichteinhaltung der europäischen Klimaziele betragen sie 62 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030.

Entscheidend aber ist: Statt den drohenden Untergang zu beschwören, werben die Sachverständigen für den Aufbruch. Und tatsächlich muss wirksame Klimapolitik kein Akt von Verzweiflung und Verzicht sein. Die Politik hat – so schreiben die Forscher – im Gegenteil die einmalige Chance, viele zu Gewinnern zu machen.

Wer die Gunst des Augenblicks begreifen will, darf nicht nur das Papier der Leopoldina lesen. Erst vor wenigen Tagen hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sein ökonomisches Urteil zur deutschen Klimapolitik vorgelegt. Selten zuvor waren Wissenschaft und Ökonomie so bis ins Detail einer Meinung. Die Gutachter der Leopoldina fordern einen "einheitlichen und sektorübergreifenden Preis für Treibhausgasemissionen" – bei den Wirtschaftsweisen heißt der Preis "sektorübergreifend einheitlich". Und selten stießen ihre Vorschläge – bei allem populistischen Geraune: Klimasteuer, das wird teuer – auf so rasch wachsende gesellschaftliche Akzeptanz. Teuer, so Forscher und Ökonomen unisono, wird vor allem das Nichtstun.

Darum belassen es die Forscher auch nicht dabei, nur den Preis für CO₂ als politisches Steuerungsinstrument einzusetzen. Die Einnahmen, fordern sie, müssen transparent in die Klimapolitik reinvestiert werden. Als sozialer Ausgleich in Form einer Klima-Dividende. Als Puffer, um die Kosten des Klimaschutzes (etwa die Strompreise!) abzufedern. Schließlich und zentral aber als Investitions- und Innovationsprogramm.

Und wer zahlt? Vor allem die Wohlhabenden. Sie haben den nachweislich größeren ökologischen Fußabdruck.

Gewinnen aber können alle: die Politik, wenn sie jetzt die Weichen für den Wandel – in der Sprache der Nachhaltigkeitsdebatte: die große Transformation – stellt. Damit auch künftige Generationen gut leben können und die Politik sich selbst ihren Gestaltungsspielraum für die Zukunft sichert. Die Wirtschaft profitiert, weil sie weiter Wertschöpfung betreiben kann, statt beschränkte Ressourcen weiter zu erschöpfen. Und die nachhaltigeren und besseren Infrastrukturen, etwa für Mobilität und Energieversorgung, werden allen Menschen nützen.

Auch für die Wissenschaft ist dieser Umbau ein Gewinn. Ihre Ideen werden gefragt sein: für die Energiespeicher der Zukunft wie für intelligent vernetzte Mobilitätssysteme.

Es sind, das wird auch aus der Autorenliste der Leopoldina ersichtlich, nicht nur Ingenieure oder Materialwissenschaftler, die den Innovationsprozess begleiten müssen, sondern auch Gesellschaftsforscher, Historiker oder Psychologen. Denn der notwendige Wandel macht vielen Menschen Angst. Die Politik kann ihn aber nur mit den Bürgern organisieren, nicht gegen sie.

Das fängt beim richtigen Ton an. Es ist höchste Zeit für ein Aufbruchssignal. Jetzt!