Als ich im letzten Jahr in den Ruhestand ging, war das ein gutes Grundgefühl: Da sind viele junge Frauen, die weitergeben, weiterleben, weitergehen, was unsere Generation schon von anderen als Wege übernommen hat. Es gibt eine Kette, in die wir uns einreihen. Das ist für Frauen des Glaubens ja ohnehin so. Wir übernehmen die Stafette für eine Wegstrecke, ein wie ich finde entlastendes Lebensgefühl. Es nervt dabei meist, wenn die Alten raten wollen. Sie sollen loslassen und die Jungen werden auf ihre Weise übernehmen, fortführen, aber auch verändern. Das war jedenfalls oft mein Lebensgefühl mit Blick auf selbst ernannte Ratgeber. Vor allem Männer, die mir die Welt, die Theologie, die Kirche erklären wollten, gab es zuhauf. Mansplaining ist ja inzwischen ein soziologischer Fachbegriff. Die Anfrage von Christ&Welt hat mich aber dann doch gereizt – vielleicht liegt das daran, dass ich jetzt selbst alt werde.

Ich habe den Kampf für die Frauenordination immer mit Bewunderung gesehen. Was für Auseinandersetzungen mussten da geführt und welche Demütigungen hingenommen werden! In Kriegszeiten waren Frauen gut genug, um einzuspringen, später durften sie dann zunächst ausschließlich Frauen und Kinder unterrichten im Glauben. In einem alten Protokoll des Ökumenischen Rates der Kirchen habe ich einmal gelesen, Frauen seien für Gremienarbeit schlicht nicht geeignet, weil sie lange Zeit sitzend in rauchgeschwängerten Räumen schlicht physisch nicht durchhalten könnten. Wie oft ist das Bild von Kirche in aller Welt immer noch von Männern bestimmt!

Deshalb finde ich die Bewegung Maria 2.0 in der römisch-katholischen Kirche gut. Es ist immer schlecht, sich von außen einzumischen, Rat zu geben, wie Reformen bei anderen auszusehen haben. Das wirkt schnell herablassend oder arrogant. Aber Aufbruchsbewegungen anderer mit Freude zu sehen und zu begleiten ist auch eine Haltung der Solidarität.

Hätten wir Zeit, würde ich gern Geschichten von nervigen Auseinandersetzungen erzählen, die ich erlebt habe. Auch das ist ja typisch beim Älterwerden: Du erzählst gern Geschichten von gestern. Ich denke etwa an einen Bischof, der klagte, seit Frauen dabei wären, könne man nicht mehr zusammen in die Sauna gehen. Oder an einen russisch-orthodoxen Priester, der mir nicht die Hand geben wollte, weil ich ein Symbol der Anpassung an westlichen Zeitgeist sei.

"Vor allem Männer, die mir die Welt, die Theologie, die Kirche erklären wollten, gab es zuhauf. "

Ich habe selbst immer gern den Geschichten der Frauen vor mir zugehört, manchmal mit Empörung, manchmal mit Irritation. Warum haben sie hingenommen, dass es zwischen Beruf, ja Berufung und Familie so lange keine Alternative gab? Warum musste eine Frau mit der Heirat die Ordinationsrechte abgeben? Da geht es doch um nichttheologische Faktoren, sexuelle Unreinheit wahrscheinlich, oder etwa darum, dass ein Ehemann unter der Kanzel seiner Frau sitzt? Erklären konnte mir das niemand. Aber es war so bis zu dem Jahr, in dem ich Abitur machte. Gut, dass ich das nicht gewusst habe, als ich mit dem Theologiestudium begann. Viele Jahre später schrieb mir eine ältere Kollegin, sie habe mir abgeraten, eine halbe Stelle zu übernehmen, weil für ihre Generation schlicht selbstverständlich gewesen sei: Wer Pfarrerin sein will, muss auf Familie verzichten.

Gefreut habe ich mich über den Text einer Theologin der Generation meiner Töchter, die meinte, sie habe sich durch meine Biografie ermutigt gefühlt. Ja, statt einen Rat zu geben, würde ich euch gern ermutigen, liebe junge Kolleginnen. Von "Schwestern" rede ich nicht so gern. Das soll etwas suggerieren, was in der Regel unter Kolleginnen und Kollegen nicht wirklich vorhanden ist: tiefes Vertrauen. Ein Freund sagte immer lachend "Oberschwester" zu mir, da war klar, wie karikierend dieser Begriff eigentlich ist. Ich mochte es nie, als "Schwester Käßmann" angesprochen zu werden, das klingt für mich schief, es spiegelt eine Vertrautheit vor, die es so nicht gibt, auch wenn wir einen Glauben teilen, als Ordinierte im kirchlichen Dienst arbeiten.

Also, ihr jungen Frauen im Pfarramt: Lasst euch nicht verbiegen! Seid ihr selbst und versucht nicht, eine Rolle zu spielen im Amt. Verstellt eure Stimme nicht auf der Kanzel, sondern redet so, wie Gott euch die Redegabe auch im Alltag gibt. Eine gewollt pastorale Stimme geht den Zuhörenden in der Regel auf die Nerven und kommt unglaubwürdig daher. Ihr tragt gern kurze Röcke und roten Lippenstift? Dann tut es! Ihr geht gern tanzen oder eben auch nicht? Dann lebt das. Versucht nicht, euch an irgendeine Erwartung anzupassen, das geht nur schief.