Der Film selbst wäre eigentlich nicht der Rede wert. Er handelt von einem Mann, der sich vor der Unvermeidlichkeit des Älterwerdens zu verstecken versucht, indem er eine Affäre mit einer deutlich jüngeren Frau beginnt. Wodurch er seine Ehe ruiniert und seine Ehefrau so tief verletzt, dass sie es ihm heimzahlt. Schließlich machen die beiden eine Trennungstherapie – und weil sich Menschen immer gern über das lustig machen, wovor sie sich am meisten fürchten, ist das ganze Debakel als Komödie erzählt. Eine Trennungskomödie, gedreht in Hamburg, der Name: Und wer nimmt den Hund?

Es ist nicht leicht herauszufinden, ob Martina Gedeck und Ulrich Tukur den Film, dessen Hauptrollen sie spielen, selbst für gelungen halten. Allzu große Lust, über den Film selbst zu sprechen, haben sie auch gar nicht, als sie an einem verschwenderisch schönen Sommertag auf einem Sofa in der Beletage des Café Einstein in der Berliner Kurfürstenstraße sitzen, um mit Journalisten über den Film zu sprechen. Tatsächlich sind sie über Filmfragen sogar beinahe überrascht, denn natürlich ist vollkommen klar, dass heute niemand wegen des Films hier sitzt. Sondern ihretwegen.

Ganz so achtlos sollte man den Film aber doch nicht beiseitewischen, denn es gibt ein Detail, das ihn sehr besonders macht, namentlich in Verbindung mit seinen Hauptdarstellern. Aber bevor das zur Sprache kommt, will Tukur unbedingt die Geschichte erzählen, wie er in seinen großen Zeiten am Deutschen Schauspielhaus einmal einen großen Kollegen nicht erkannt hat.

Ulrich Tukur: Wir haben unter Jerôme Savarys Regie eine Revue gespielt, in der es die Rolle eines sehr, sehr alten Mannes gab. Dafür wurde ein gewisser Herr von Klipstein besetzt. Mir sagte der Name nichts, und ich wurde mit der Aufgabe betraut, mich um ihn zu kümmern. Klipstein tauchte also an der Pforte auf, ein sehr netter alter Herr. Ich begrüßte ihn und schlug vor, den Fahrstuhl zu nehmen, denn die Probebühne befand sich im fünften Stock. Aber Klipstein sagte: "Junger Kollege! Ich nehme niemals einen Fahrstuhl. Wir gehen zu Fuß!" Ich wies nochmals auf den Höhenunterschied hin, fünf Etagen, da käme nicht mal ich rauf, ohne die Puste zu verlieren. Aber er bestand darauf, und am nächsten Tag kam Herr von Klipstein nicht mehr zur Probe, denn er war tot – er ist in der Nacht an einem Herzinfarkt gestorben. Und erst dann habe ich herausgefunden, mit wem wir es zu tun hatten: Ernst von Klipstein war in den 30er und 40er Jahren ein Filmstar der UfA. Später hat er sich aufs Theater und Fernsehen konzentriert. Und ich dachte, mein Gott, was habe ich verpasst! Wie interessant wäre es gewesen, mit diesem Mann zu reden, der Theater und Film der Weimarer Zeit und des "Dritten Reichs" selbst miterlebt hat. Und ich hatte keine Ahnung! Das sind Geschenke, die irgendwann weg sind, und du kannst sie nie wieder auspacken.

Besser kann man Ulrich Tukur kaum charakterisieren als mit dieser Anekdote. Er, 1957 geboren, mit nimmersatter Faszination für die Jahrzehnte vor seiner Geburt, hat eine diebische Freude daran, schelmisch und atemlos Geschichten zu erzählen, die von seinem höchstpersönlichen Scheitern handeln.

Und vermutlich bekommt man Martina Gedeck nie wahrhaftiger zu Gesicht als in den Minuten, in denen Tukur genießerisch die Geschichte erzählt. Er redet, sie schweigt. Hört mit ehrlichem Interesse zu. Erschrickt auch ehrlich, als Klipstein stirbt, aber vor allem lässt sie Tukur machen, lässt ihn reden, gönnt ihm die Aufmerksamkeit, weil sie längst durchschaut hat, dass er die dringender braucht als sie. Er ist ein Clown in eigener Sache, der keinen Hehl daraus macht, dass er von seinem Gegenüber gemocht werden will. Von ihrem Scheitern zu erzählen fiele ihr im Leben nicht ein.

Die beiden kennen sich seit 35 Jahren, beide waren Mitte der Achtzigerjahre zur selben Zeit am Schauspielhaus engagiert.

Ulrich Tukur: Wir standen damals nicht zusammen auf der Bühne, wir sind erst über die Jahre ineinander hineingewachsen.

Martina Gedeck: Ich war beschäftigt mit meinem Anfängertum, du warst schon arriviert und hast die großen Rollen gespielt. Ich habe dich immer im "Dorf" gesehen, dieser wunderbaren Kneipe in der Langen Reihe, wo man immer die Schauspieler traf. Alle Mädchen sind um dich geschwirrt. Ich war damals ja auch noch nicht mit Uli zusammen.

Tukur: Mit wem denn?

Gedeck: Mit niemandem.

Tukur: Du warst Single! Warum habe ich das nicht gewusst?

Gedeck: Du warst anderweitig beschäftigt.

Tukur: Stimmt, und ich war auch noch verheiratet.

Jener Uli, den Gedeck erwähnt, ist Ulrich Wildgruber. Ein geradezu legendärer Kollege, dem Hamburger Publikum nicht nur durch das Erdbeben im Gedächtnis, den sein Othello an der Seite von Eva Mattes in den Siebzigern auslöste, sondern auch mit seiner Gewohnheit, zum Textlernen mit fliegendem Mantel und fliegenden Haaren um die Alster zu stürmen. Acht Jahre lang sind Wildgruber und Gedeck ein Paar. Für sie ist das Engagement in Hamburg das erste nach der Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar, es sind nicht ihre erfolgreichsten Jahre, die erste Produktion, in der sie besetzt ist, Der Geizige von Molière, läuft nicht gut. Wildgruber aber ist auf dem Zenit seines Könnens, und Ulrich Tukurs Stern geht gerade auf. Ihn holt der Intendant Peter Zadek nach Hamburg und dort in die erste Reihe. Bei einem Gastspiel von Lulu in Recklinghausen, in dem Wildgruber und Tukur beide besetzt sind, besucht Gedeck Wildgruber, Tukur nimmt sie erstmals wahr, die beiden beginnen sich anzufreunden. Über die Zeit am Theater können sie heute noch endlos schwärmen.

Tukur: Das war toll! Der Kampf zwischen Thalia Theater und Schauspielhaus! Aber wir schätzten uns als Kollegen und sind oft zusammen ausgegangen.

Gedeck: Es war immer voll, bumsvoll. Und Peter Zadek hat eine Inszenierung nach der anderen rausgehauen.

Tukur: Das war sehr großes, sinnliches Theater, das diesen wunderbaren Raum ganz und gar ausfüllte.

Gedeck: Zadek war einfach eine Ausnahmeerscheinung. Und so waren auch seine Leute, die Schauspieler, das war ein ganz besonderer Atem. Da wurde der Wahnsinn gesucht – und dem Wahnsinn wurde auf der Bühne auch Ausdruck verliehen. Das fehlt heute manchmal.

Tukur: Für mich war der Mann, so schwierig er sein konnte, ein riesiges Geschenk. Er hat es geschafft, spannende Leute auf der Bühne miteinander zu verbinden, auch ineinander zu hetzen, um Energien zu generieren, die sonst sicher nicht entstanden wären. Die Zeit am Schauspielhaus war die schönste meines Lebens.

Gedeck: Aber es ist auch eine Frage des Blickwinkels. Wenn man 20, 30 Jahre alt ist und seine ersten großen Rollen spielt, ist man wahrscheinlich immer total euphorisiert.

Tukur: Mit dem Unterschied, dass man heute kaum noch Schauspieler findet, die auf Yoga, Sport und Veganismus pfeifen und sich gepflegt zu Tode saufen.