Es heißt, die armen Wissenschaftler müssten viel publizieren, um im großen Spiel der Erkenntnis dabei zu sein. Daher gibt es auch sogenannte Raubverlage, die Straßenräuber der Branche. Sie fangen Wissenschaftler ein, die dafür zahlen, dass ihre Schriften gedruckt werden. Aber "im Gegensatz zu seriösen Anbietern", wie die Sprachregelung lautet, überprüfen solche Verlage die Qualität der eingereichten Studien nicht. Das Verfahren der Peer-Review, die Begutachtung durch Fachkollegen, dieses "Gütesiegel der Wissenschaft" wird nur vorgegaukelt. Eine Publikation im Raubverlag ist wertlos. Die Autoren, sagte ein Wissenschaftstheoretiker, täten ihm aber gar nicht leid, denn nicht Vertrauensseligkeit, sondern Kritik sei das Element der Wissenschaft.

Niklas Luhmanns Text Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität hat in der Vertrauensfrage Autorität. Dieser Autorität sollte man Florian Mühlfrieds Misstrauen. Vom Wert eines Unwertes zur Seite stellen.

Es ist einleuchtend, dass Menschen diese zweifache Fähigkeit haben: Einerseits können (und müssen) sie Vertrauen fassen, andererseits können (und müssen) sie misstrauisch sein. Diese beiden Fähigkeiten sind im Individuum schwer auszubalancieren.

Aber wie Mühlfried eindringlich schildert, hat auch die Gesellschaft das Problem. Derzeit stehen Appelle hoch im Kurs, nichts als Vertrauen zu mobilisieren. Vor allem die politische Rhetorik ist darauf aus, "Vertrauen herzustellen". Die Religion pflegt das Gottvertrauen. Der Präsident des Kirchentages formulierte seinen Beitrag dazu mit den Worten: "Man muss vertrauen. Dies ist eine Gesellschaft, in der man vorankommt."

Der Vertrauensdiskurs, so Mühlfried, unterschlage das kreative und emanzipatorische Potenzial des Misstrauens. Das Misstrauen werde man aber noch benötigen: "Dafür sorgen unter anderem die zunehmende Macht der internationalen Konzerne bei gleichzeitig abnehmender Einflussmöglichkeit staatlicher Regulierung, die Entwertung einst verlässlicher internationaler Vereinbarungen" – die Liste ist lang. Keineswegs predigt Mühlfried Misstrauen, so wie andere Vertrauen predigen. Es ist klar, dass enttäuschte Vertrauensseligkeit nicht zu mehr Vertrauen, sondern zu mehr Misstrauen führt. Eine vom Misstrauen total dominierte Gesellschaft wäre erst recht verloren.

Die Verabsolutierung des Misstrauens, wie sie der "Islamische Staat" betreibt, ist nach Mühlfried ein Todeskult, der sich "aus dem Misstrauen besonders junger Menschen gegen westliche Ordnungssysteme und Herrschaftspraktiken" speist.

Also Misstrauen auch gegen das Misstrauen!

Florian Mühlfried: Misstrauen. Vom Wert eines Unwertes; Reclam Verlag, Stuttgart 2019; 88 S., 6,– €