Das Buch versprach ein großer Erfolg für den Verlag Simon & Schuster zu werden. Sein Autor war höchst umstritten, Twitter hatte ihn für rassistische Äußerungen von seiner Plattform verbannt, seine Online-Fangemeinde war dadurch nur gewachsen. Jeden Tag sprach er vor einem anderen begeisterten Publikum junger Rechter irgendwo in Amerika. Dangerous sollte das Buch von Milo Yiannopoulos heißen, dem rechten schwulen Provokateur, 255.000 Dollar waren dafür als Honorar vereinbart, im Juli 2017 sollte es erscheinen.

Dann wurde zwei Monate nach Unterzeichnung des Buchvertrages der Videomitschnitt eines alten Podcasts bekannt, auf dem Yiannopoulos dem Anschein nach Pädophilie verteidigt. Die rechte und linke Öffentlichkeit war geschockt, Yiannopoulos’ Arbeitgeber, die rechte Nachrichtenseite Breitbart, distanzierte sich von ihm, eine der größten konservativen Konferenzen lud ihn als Hauptredner aus. Darauf stoppte auch Threshold Editions, der konservative Verlagsableger von Simon & Schuster, bei dem das Buch erscheinen sollte, das Projekt. Yiannopoulos verklagte den Verlag wegen Vertragsbruch auf zehn Millionen Dollar.

Milo Yiannopoulos gehört zu den Provokateuren, die gegen die politische Korrektheit stänkern. Er ist schwul. Und er schrieb für das rechtspopulistische Portal "Breitbart". Als herauskam, dass er Pädophilie verharmlost haben soll, ließ ihn sein Verlag fallen. Mit der Moralklausel stellen Verlage sicher, dass ein Autor seinen Vorschuss zurückzahlt, falls er in der Öffentlichkeit Schiffbruch erleidet. © Geoff Caddick/​AFP/​Getty Images

Die Klage zog er später zwar zurück, dennoch wappnet sich Simon & Schuster seither, wie alle großen Verlage in New York, mit einer sogenannten Moralklausel in den Verträgen. In dem Standardvertrag von Simon & Schuster heißt es nun, dass der Verlag die Möglichkeit habe, einen Vertrag zu beenden, wenn das Verhalten des Autors "den Autor oder den Verleger in der Öffentlichkeit der Lächerlichkeit, Verachtung, dem Hohn, Hass oder der Zensur aussetzt oder den Verkauf des Werkes materiell vermindert". Teure Klagen oder Strafzahlungen wegen Vertragsbruch musste der Verlag nun nicht mehr fürchten. Der Verlag Penguin Random House hatte 2016 eine ähnliche Klausel eingeführt, HarperCollins sogar schon 2010.

Ein großer Teil der linken Öffentlichkeit in den USA begrüßt diese Klauseln, denn er sieht darin eine Art Mitbestimmungsrecht über die Frage, wer als Autor Erfolg verdient hat und wer nicht. Die #MeToo-Bewegung im Speziellen hofft, dass die Klausel ein Vehikel sein könnte, um auch in der Literaturwelt eine höhere Sensibilität für sexuelles Fehlverhalten zu erzeugen. Der TV-Kommentator und Bestsellerautor Mark Halperin verlor in der Hochphase der #MeToo-Enthüllungen seinen Buchvertrag bei Penguin Random House, nachdem ihm ehemalige junge Kolleginnen massive sexuelle Belästigung vorgeworfen hatten. Halperin entschuldigte sich und versprach Besserung. Nach einem Online-Post der Jugendbuchautorin Anne Ursu, die Kolleginnen gebeten hatte, Personen in ihrer Branche zu nennen, die sich sexuellen Fehlverhaltens schuldig gemacht haben, verloren einige namhafte Autoren der Branche ihre Verträge.

Der Fall des Pulitzerpreisträgers Junot Díaz, dem im letzten Jahr von drei Frauen sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen wurde, macht jedoch ein Grundproblem dieser Dynamik deutlich. Nach den Vorwürfen gegen Díaz reagierte die Branche gewohnt schnell. Penguin Random House beendete die Vermarktung seines gerade erschienenen Kinderbuchs. Buchhandlungen bestellten seine Bücher nicht nach, er trat vom Vorsitz des Pulitzerpreis-Komitees zurück. Dann wurde plötzlich eine Gegenöffentlichkeit aus mehreren Universitätsprofessoren laut, die den in der Dominikanischen Republik geborenen Díaz verteidigten. Und es tauchte ein Audiomitschnitt der Diskussion auf, in der Díaz eine der Frauen aggressiv sexistisch angegangen haben soll. Auf dem Mitschnitt des Autoren-Workshops, den Díaz geleitet hatte, ist zu hören, dass Díaz und die Frau unterschiedliche Meinungen vertreten, aggressiv klingt der Autor nicht. Was war wirklich dran an den Vorwürfen?

"Für uns ist es nicht wichtig, ob ein Vorwurf stimmt oder nicht", sagt ein Vertreter des Verlags Penguin Random House der ZEIT. "Wir sind keine Moralpolizei. Uns interessiert allein die Wirkung der Vorwürfe. Also, welche finanziellen Auswirkungen haben sie für den Verlag? Können wir den Autor noch vermarkten?"

Ende des Jahres wurde Díaz wieder in die Jury des Pulitzerpreises aufgenommen, die Boston Review Books und das Massachusetts Institute of Technology, wo er als Professor unterrichtet, setzten ihre Zusammenarbeit mit ihm ebenfalls fort. Worauf auch Penguin Random House seinen Vertrag mit ihm erneuerte. Hätte es diese institutionelle Rückendeckung für Díaz nicht in diesem Maße gegeben, wäre die Sache anders ausgegangen.

Die Moralklauseln werden oft als Verhaltensregeln kritisiert, mit denen Verlage ihre Autoren kontrollieren und zensieren wollen. Eine Art Sittenkontrolle. Doch das führt in die Irre. Deutlich wird das an der Tatsache, dass jedes große Verlagshaus einen Ableger besitzt, mit dem es den lukrativen Markt der jungen Rechten bedient. Leser, die Fans von Autoren wie Milo Yiannopoulos sind, deren Markenzeichen es ist, gegen die geltenden Sitten und moralischen Normen zu verstoßen. Simon & Schuster hat Threshold Editions, Penguin Random House Crown Forum und Sentinel. Auf Literaturfestivals sieht man diese Bücher nicht, dafür findet man sie in den Regalen von Walmart und Target im konservativen Amerika. Das Skandalöse an den Klauseln ist nicht moralischer, sondern ökonomischer Natur. Denn die Klauseln sind eine ziemlich krasse Art der Risikoabsicherung. Mit ihr schützen sich die Verlage gegen den scharfen Wind der öffentlichen Meinung, der durch einen von den sozialen Medien befeuerten moralischen Populismus gekennzeichnet ist. Das Risiko trägt der Autor ganz allein.

Von den Vorteilen hingegen profitieren die Verlage nur allzu gern. Der kostenlosen Publicity beispielsweise, die sich ein Autor über die sozialen Medien erarbeitet hat. Autoren für Jugendbücher werden gern auch mal auf YouTube entdeckt, in der Hoffnung, dass man ihr Publikum als Leser gewinnen kann. Die Moralklauseln sind daher nichts anderes als eine neue Form unternehmerischer Gier. Den Vorteil für mich, den Nachteil für dich.