Als der am 31. Juli 1919 in Turin geborene Doktor der Chemie Primo Levi 1945 im Konzentrationslager Auschwitz-Monowitz von den Sowjets befreit wurde, hatte er dort, wie er später bitter spottend auflistete, in seiner annähernd einjährigen Haftzeit eine maximale Zahl von Berufen ausgeübt. Er war Maurergehilfe, Erdarbeiter, Straßenkehrer, Totengräber, Dolmetscher, Fahrradreparateur, Schneider, Dieb, Hehler, Krankenwärter, Steinklopfer und sogar Chemiker bei der IG Farben. Zumindest für die letztgenannte Zwangsarbeit ist er nachträglich entschädigt worden. Der deutsche Chemiekonzern zahlte dem ehemaligen Auschwitz-Häftling eine Wiedergutmachung von 122,70 D-Mark.

Nach Auschwitz kam er, nachdem er als Partisan gefangen genommen wurde und gestand, Jude zu sein, um nicht, wie er befürchtete, als Mitglied der Resistenza erschossen zu werden – eine, wie sich später herausstellte, unbegründete Angst. Im Februar 1944 wurde er gemeinsam mit 650 anderen italienischen Juden im Güterzug nach Auschwitz transportiert, eine sich über Tage hinziehende Reise ohne Wasser, ohne Abort, bei großer Kälte.

Sein nach der Befreiung "wie in Trance" geschriebener Bericht über Auschwitz war eins der ersten literarischen Zeugnisse des Holocausts. Ist das ein Mensch? stieß nach Kriegsende auf taube Ohren. Natalia Ginzburg lehnte Levis Buch im Namen des Einaudi-Verlages genauso ab wie Gallimard (wo Albert Camus im Lektoratskomitee saß) das frühe KZ-Buch Das Menschengeschlecht des Franzosen Robert Antelme. So erschienen die bedeutenden Zeugnisse des Holocausts notgedrungen zunächst beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit an entlegener Stelle, von Levis Erstauflage verkauften sich 1400 Stück. Die schockstarre Ignoranz der europäischen Intellektuellen löste sich nur langsam. 1958 erschien Levis Buch bei Einaudi. 1961 folgte die erste deutsche Übersetzung. Der in Auschwitz immer wiederkehrende Albtraum des Häftlings – er kommt nach Hause, und niemand ist bereit, ihn anzuhören, alle unterhalten sich über andere Dinge – hat sich auf diese Weise bewahrheitet, bis das Buch in den Sechzigerjahren endlich in seinem Rang erkannt wurde.

Levis Bericht über seine Erlebnisse in Auschwitz berührt wegen seiner kalten und unmittelbaren Präzision. Er habe, sagte Levi, der stets gern und ausführlich Auskunft gab, nichts nachträglich hinzugefügt und nur geschrieben, was er damals gewusst und erlebt habe. Ebenso wie später Imre Kertész in seinem Roman eines Schicksallosen schrieb Levi in einem kommentarlosen, unpathetischen Stil, der jede Anklage ausschloss. Die Empörung, fand er, müsse beim Leser entstehen, nicht beim Autor.

Seine Verbindung zu Deutschland blieb zwiespältig. Einerseits betonte er die untilgbare "kollektive und allgemeine Schuld nahezu aller Deutschen, dass sie nicht den Mut besessen haben zu sprechen" – über das, was offensichtlich war. Andererseits besuchte er noch als Rentner Deutschkurse im Turiner Goethe-Institut. Im Lager hatte er privaten Deutschunterricht mit einem Teil seiner Brotration bezahlt, der kostbarsten Währung, die es je gab.

Sein bestes Buch ist der autobiografische Roman Das periodische System. Sein melancholischstes ist Die Untergegangenen und die Geretteten, das er kurz vor seinem tödlichen Sturz in den Treppenschacht seines Wohnhauses im Jahr 1987 vollendete. Da war er erst 67 Jahre alt. Die Scham und die Schuld gegenüber den Toten von Auschwitz, schrieb er in seinem letzten Buch, haben ihm keine Ruhe gelassen.