Oerlikon bei Zürich im Jahr 1919. Fünf Herren mit Schnäuzen und biederen Anzügen blicken in die Kamera. Bäggli heißt der eine, Bommeli ein anderer. Lassen wir uns nicht täuschen: Diese Herren sind radikal. Es geht ihnen um sehr viel, wenn nicht um alles, um die große gesellschaftliche Umwälzung. Ein glücklicheres Leben schwebt ihnen vor, das hinter sich lässt die proletarische Baracken-Existenz, die trostlosen Hallen, hungrigen Münder und engen Zimmer, die man auch in der Schweiz des frühen 20. Jahrhunderts kennt. Das Foto hält einen sporthistorischen Moment fest: Eben wurde der Arbeiterschwingerverband gegründet. Er wird bald Teil des Satus werden, des Schweizer Arbeiter- und Turnverbands, einer von sechs Unterverbänden. Schwingen als Fitnesstraining, seine Übungen sollen der einförmigen Belastung des Fabrikalltags entgegenwirken und die Körper der Arbeiter abhärten.

Alfred Edelmann, der Aktuar des Arbeiterschwingerverbands, erklärt es 1919 in der Satus-Zeitung so: "Das Doppelziel unseres Gesamtverbandes besteht darin, beim Turner neben einer rationellen Körperausbildung auch das Geistesleben zu fördern, in ihm das Klassenbewusstsein zu wecken und ihn damit zu befähigen, vereint bessere Lebensbedingungen zu erlangen." Edelmann schließt seinen Text Ueber den Wert des Schwingens doppeldeutig ab: "Bald wird für unsere Schwinger die Zeit kommen, wo sie ihre Probe bestehen könne; darum nützet die Zeit, damit möglichst vielen die Palme des Sieges überreicht werden kann." Was ist das für eine Probe? Meint Edelmann das erste Arbeiterschwingfest? Oder doch die Eskalation des Klassenkampfs?

Zum reinen Spaß haben Bäggli, Bommeli und Edelmann jedenfalls nicht mit dem Schwingen angefangen. Es ist Mittel zum Zweck, genauso wie der Körper des Arbeiters Mittel zum Zweck ist. Die Satus-Zeitung zitiert 1922 einen österreichischen Sporttheoretiker: Der Körper möge "Gefäß sein für die menschlichen Werte", vermieden werden soll die Ausbildung zum "gräßlichen Typ des Nursportlers, des Muskelschweins oder Windhundes". Ab 1927 werden die Schwinger vom Schweizerischen Arbeiterjodlerverband unterstützt. Auch hier sehen wir den Versuch, den Konservativen ein Brauchtum zu entreißen und sie als dessen Förderer links zu überholen.

Das Spektakel des Sportfests wird von den Sozialisten als Köder genutzt. Sie instrumentalisieren es, so wie es bereits Aristokraten, Liberale und Rechtsbürgerliche instrumentalisiert haben. Der Schwinger soll die Zuschauer am Sägemehlrand beeindrucken, sie im besten Fall fürs große Proletarier-Projekt gewinnen. An den Satus-Festen soll die Utopie geprobt werden. Das Drumherum in den Zelten und auf den Bühnen ist deshalb mindestens so wichtig wie der Wettkampf selbst. Im Leitfaden für die Agitation des Satus heißt es: "Unsere Festspiele sind nicht schmalzig, sondern erzählen vom Kampf der Arbeiter und ihrer Menschwerdung." Vor 12.000 Zuschauern werden 1930 am Arbeitersportfest in Aarau Theaterstücke inszeniert. Das Schauspiel soll "eine Apotheose auf den Sieg des Sozialismus über die alte Welt" darstellen, so die Festschrift.

Noch im Gründungsjahr 1919 organisieren die Funktionäre in Oerlikon das erste große Arbeiterschwingfest. In seiner Festrede erklärt ein Funktionär, die Klassengegensätze spitzten sich zu. Auch im Sport müsse sich die Arbeiterschaft vom Bürgertum distanzieren und sich in eigenen Verbänden zusammenschließen. Drei Jahre später findet das Arbeiterschwingfest in Olten statt. Auf der Frontseite der Satus-Zeitung schreibt das Organisationskomitee, das geleitet wird von Jacques Schmid, dem SP-Nationalrat und erklärten Marxisten: "Unser schweizerisches Arbeiterschwingfest in Olten wird ein glänzendes Zeugnis ablegen dafür, dass der proletarische Turner im Kreise seiner Klassengenossen dem edlen Turnsport ebenso gut oder noch viel besser huldigen kann als im Verbande der bürgerlichen Turnvereinigungen. In unserem Kreise kann er die edle Kameradschaft pflegen, ohne den bitteren Beigeschmack der Gewissheit empfinden zu müssen, dass die Kollegen, denen er zum friedlichen Wettkampf die Hand drückt, draussen im ernsten Leben des grauen Alltags wieder als seine Klassengegner gegen ihn stehen und auf die Vernichtung seiner menschenwürdigen Existenz als Arbeiter sinnen."

In Olten kämpfen 230 Arbeiterschwinger um den Sieg, die Satus-Zeitung schreibt von "Hunderten von Zuschauern". Zum Vergleich: Am ersten Eidgenössischen in Biel 1895 machten 124 Schwinger mit. Zwischen 1919 und 1930 bauen die Arbeiterschwinger in der Deutschschweiz gut zwei Dutzend Sektionen auf. Von Mai bis September findet meist jeden Monat irgendwo ein Arbeiterschwingen statt, am "Schweizerischen Arbeiterschwingtag" wird jedes dritte Jahr der beste Sportler des Verbands gekürt. Die Schwingerkönige kommen aus Bümpliz, Grenchen und der Stadt Zürich.

Auf den Siegesbildern posieren die Arbeiterschwinger oft mit Krawatte oder im Kittel. Das ist nicht verwunderlich, denn viele der Schwinger sind Städter. Um 1930 dominiert mit Albert Guyer ein Maschinist aus Oerlikon. Er gewinnt gleich drei nationale Feste in Folge. Zu seinen härtesten Konkurrenten gehört Emil Sanvittore, ein eingebürgerter Italiener, der als Magaziner arbeitet und im Zürcher Kreis 5 wohnt. Das Arbeiterschwingfest von 1940 gewinnt Franz Limacher, der später für die Sozialdemokraten im Luzerner Stadtrat sitzen wird.