Es ist ein sonniger Nachmittag in San José, als Pastor Andy Wood zügigen Schrittes in seine abgedunkelte Kirche läuft und sich anschickt, das Silicon Valley aus der Gottlosigkeit zu befreien. Wood schreitet durch die Zuschauermenge wie ein Rockstar, er winkt, er lächelt, er verteilt High Fives. Dann springt er auf die Bühne, ein sportlicher Mann in Jeanshemd und Turnschuhen, die schwarzen Haare zum Undercut rasiert. Eben erst ist er mit dem Flugzeug aus Los Angeles gelandet. Jetzt ruft er ins Mikrofon: "Was geht ab, Leute? Willkommen in der Echo Church!"

Die Echo Church ist Woods eigene Schöpfung. Aus dem Nichts hat er diese Gemeinde aufgebaut, die mit den meisten Kirchen in Deutschland so viel gemein hat wie ein iPhone mit einem Kabeltelefon. Die Echo Church ist ein Gotteshaus wie aus der Zukunft.

Wood schlendert über die Bühne, eine Hand in der Hosentasche, in der anderen das Mikro. Um ihn herum sind riesige Bildschirme montiert, auf denen er überlebensgroß zu sehen ist. Dutzende Scheinwerfer strahlen ihn an, hinter ihm prangt das Logo seiner Gemeinde, drei Balken, die aussehen wie das WLAN-Symbol auf einem Smartphone bei vollem Empfang.

Normalerweise leitet der 37-Jährige hier Messen, die an Popkonzerte erinnern. Eine Band spielt, und Hunderte meist junge Menschen strecken ihre Hände in die Luft und singen aus voller Kehle Jesus-Lieder. Immer mehr Besucher bringen inzwischen Ohrschützer mit in Woods Gottesdienst, weil es so laut wird.

Heute aber ist der Geistliche Gastgeber für eine besondere Art von Messe: 600 Kirchengründer versammeln sich zu einer Konferenz namens Exponential. Ihr Ziel: das Silicon Valley und von dort aus das ganze Land zu missionieren. So schnell wie möglich. Nur Gott könne die "unchristlichste Gegend der USA retten", ruft Wood von der Bühne.

Wie in Europa haben die Kirchen auch in den USA mit sinkenden Besucherzahlen zu kämpfen. Das betrifft besonders die Gegend um San Francisco, wo laut dem Pew Research Center, einem Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Washington, nur noch rund ein Fünftel der Christen einmal pro Woche zur Messe gehen – es ist einer der niedrigsten Werte im ganzen Land. Doch eine neue Generation von Evangelikalen meint nun eine Lösung für dieses Problem gefunden zu haben, ausgerechnet hier im Silicon Valley, wo technischer Fortschritt zu einer Ersatzreligion geworden ist. Sie nennen sich church planters und wollen Kirchen säen wie Bauern Getreide. Dazu gehen sie vor, als würden sie ein Start-up gründen, nutzen Inkubatoren und Investoren, entwerfen ehrgeizige Wachstumsmodelle. Auf nicht wenigen Visitenkarten in San José steht "kingdom entrepreneur", Unternehmer im Reich Gottes.

Die Botschaft, die sie vertreten, kann man über die kircheneigene Echo-Church-App abrufen. Es ist eine konservative, bibeltreue Lehre, die da via Online-Gottesdienst gepredigt wird, verpackt in unterhaltsame Vorträge voller persönlicher Anekdoten. Die Überschriften klingen wie profane YouTube-Tutorials: "Hol dir dein Selbstvertrauen zurück!", "Was hält dich davon ab, großzügig zu sein?" oder "Wie man die Gier loswird". In einer Predigt spricht Wood darüber, wie seine Kirche zu Schwulen und Lesben steht. Zusammengefasst: Wir wollen euch in unseren Gottesdiensten, wir kümmern uns um euch – aber gottgewollt ist eure Sexualität sicher nicht.

Als Andy Wood im Silicon Valley mit seiner Rede fertig ist, tritt Dave Ferguson auf die Bühne, der Mann, der sich Exponential ausgedacht hat. Ferguson gründete einst eine Gemeinde in Chicago, war erfolgreich, eröffnete Ableger wie ein boomendes Unternehmen Filialen. Aber irgendwann wollte er mehr. Also entwarf er mit einem Freund ein Modell, das helfen sollte, das Reich Gottes schneller und effektiver zu vergrößern.