Fergusons Konzept basiert auf fünf Kurven, die er nun auf die Bildschirme der Echo Church projiziert. Zwei der Linien zeigen nach unten, "declining" und "plateauing" steht daneben. Das seien, sagt Ferguson, 80 Prozent der Kirchen im Land. Sie verlieren Besucher oder stagnieren. Die dritte und die vierte Kurve zeigen leicht nach oben: "growing" und "reproducing". Das sei der Rest, sagt Ferguson, wovon 16 Prozent leicht wachsen und vier Prozent neue Standorte gründen und expandieren. Am wichtigsten aber ist Ferguson die fünfte Linie. Sie ist seine Vision. "multiplying" steht daneben. Die Kurve ragt steil nach oben.

Die USA sind berühmt für ihre sogenannten Megakirchen, die ihre Gottesdienste in gigantischen Hallen feiern und deren Pastoren zu regelrechten Popstars aufsteigen, mit Zehntausenden Followern auf Instagram. Dave Ferguson findet, dass das der falsche Ansatz ist: Möglichst viele Menschen in große Gebäude zu locken, das sei nicht die Mission des Christentums. Es gehe nicht um Sitz-, sondern um Sendungskapazitäten, lautet einer seiner liebsten Slogans. Lieber viele kleine Kirchen im ganzen Land als riesige an wenigen Orten.

Glaubt man Ferguson, stehen die USA derzeit an einem entscheidenden Punkt. Er erklärt es wie ein Verkäufer eine geniale Geschäftsidee, anhand einer einfachen Rechnung: 80 Prozent der Amerikaner sagen, sie glauben an Gott, aber nur 18 Prozent gehen sonntags in die Kirche. "Stell dir vor, du machst einen Burger-Laden in einer Stadt auf, in der die meisten Menschen Burger lieben, aber noch keine essen!" Eine bessere Ausgangslage ist für ihn kaum vorstellbar.

80 Prozent aller Amerikaner glauben an Gott

Quelle: Pew Research Center (rundungsbedingte Differenzen sind möglich); Zahlen von 2017 © ZEIT-Grafik

Deshalb hat Ferguson Exponential erfunden und veranstaltet Konferenzen in New York, Chicago, Houston und vielen anderen Städten, um Hunderten, oft Tausenden Teilnehmern zu erklären, wie man die Gläubigen in den Gottesdienst holt: durch Kirchengründungen nach dem Schneeballsystem. Und irgendwann, hofft er, wird eine christliche Lawine nicht nur durch die USA rollen, sondern über die ganze Welt. Es gibt inzwischen rein spanischsprachige Events, dazu sind Konferenzen im Ausland in Planung, auch in Deutschland.

Exponential ist ein typisches Beispiel dafür, dass Innovationen in der Kirche in den USA oft aus der konservativen Ecke kommen. Gemäßigte Kirchen verlieren Mitglieder, viele Evangelikale gewinnen Anhänger. Und dieser Trend spiegelt sich in der Politik. Einer Umfrage des Pew Research Center zufolge wählten 81 Prozent der weißen Evangelikalen und Freikirchler Donald Trump. Es ist ein sich selbst verstärkendes System: Der US-Präsident macht Klientelpolitik für konservative Christen, die revanchieren sich, indem sie in ihren Gottesdiensten für Trump werben.

16 Prozent der weißen evangelikalen/freikirchlichen Christen haben 2016 Hillary Clinton gewählt.

81 Prozent von ihnen wählten Donald Trump.

Man spürt die Aufbruchsstimmung in San José in jedem Seminar. In einem Workshop analysiert ein ehemaliger Software-Entwickler, der jetzt als Pastor arbeitet, die Zielgruppen der Kirche, er spricht über Babyboomer, Marginalisierte und Flüchtlinge. Diese Leute müsse man gewinnen, dann könne man zu einer mächtigen Bewegung werden. Sein Slogan: "Make church great again".

In einem Imagefilm, der über die Leinwände flimmert, spricht ein Football-Coach darüber, wie wichtig es sei, neue leaders für die Kirche zu finden, also Führer, Anführer, Führungsfiguren. "Der größte Anführer aller Zeiten war Jesus Christus." Nur woran erkennt man einen neuen leader?

Junge Evangelikale sind toleranter

Anteil der evangelikalen Protestanten, die folgenden Aussagen zustimmen:

Quelle: Pew Research Center (rundungsbedingte Differenzen sind möglich); Zahlen von 2014 © ZEIT-Grafik

Einer, der die Fusion aus Kirche und Silicon Valley perfekt verkörpert, ist Pat Gelsinger. Der schmächtige Unternehmer in Sakko und Jeans erinnert ein wenig an Bill Gates. Als er auf die Bühne tritt, fragt er als Erstes: "Kennt ihr USB? Wi-Fi? PC?" Die Leute nicken. "Ich habe geholfen, diese Techniken zu entwickeln." Heute leitet der 57-Jährige die Firma VMware, ein Tochterunternehmen von Dell. Er lässt Kennziffern über die Leinwand flimmern: 7,9 Milliarden Dollar Gewinn, 23.000 Mitarbeiter, eins der Top-Five-Software-Unternehmen der Welt. Dann die Kontrastfolie: Nummer-eins-Religion in der Bay Area sei "keine", 50 Prozent der Bewohner seien "post-Christian", also ehemalige Christen, die die Kirche verloren habe. Gelsinger malt das Schreckbild einer kaputten, orientierungslosen Gesellschaft. Sein Gegenrezept: ständiges Missionieren, von Montag bis Sonntag, selbst im Büro. Klar, sagt er, er sei ein CEO. Aber sein wahrer Beruf: "Vollzeit-Gottesdiener!"