Der Jahrestag des 20. Juli 1944 bietet regelmäßig Anlass zu lebhaften Debatten. Dieses Jahr äußerte Thomas Karlauf bei einer Gedenkveranstaltung in der Frankfurter Paulskirche seine Sicht auf die Verschwörung in einer Rede, die am selben Tag auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien.

Karlauf, Verfasser einer neuen Stauffenberg-Biografie, mahnte an, der 20. Juli sei nur ein eng begrenzter Militärputsch gewesen, den man demzufolge nicht als "Aufstand des Gewissens" bezeichnen und feiern dürfe. Die Verschwörer seien zwar tatsächlich über Hitlers Verbrechen im Osten entsetzt gewesen, doch nicht die moralische Abscheu habe sie zum Handeln veranlasst. Sie hätten versucht, Hitler im Juli 1944 zu töten, weil sie Deutschland vor der totalen Zerstörung bewahren wollten. Deshalb seien ihre Motive politischer und nicht moralischer Natur gewesen.

Ich bin mir nicht sicher, auf welche Archivquellen sich Karlauf stützt, doch ist seine Argumentation mit den historischen Zeugnissen nicht in Einklang zu bringen. Erstens war der Staatsstreich nicht das Ziel, sondern lediglich ein militärisches Mittel, um weitreichendere politische Absichten zu verfolgen. Selbst ein kurzer Blick auf die "Regierungserklärung" der Verschwörer und ihre Verhörprotokolle genügt, um zu sehen, dass ihr Programm die Errichtung einer neuen politischen Ordnung auf der Basis von Rechtsstaatlichkeit und Grundrechten umfasste. Darüber hinaus zeigt eine neue Studie von Linda von Keyserlingk-Rehbein, wie groß und verschachtelt die Netzwerke der Verschwörer waren, weit über die Grenzen des Komplotts hinaus. In ihrem Mittelpunkt stand Stauffenberg, der auch mit dem sozialdemokratischen Widerstand enge Verbindungen pflegte.

Zudem "entsetzten" die nationalsozialistischen Gräueltaten die Verschwörer nicht nur: Sie veranlassten sie zum Handeln, neben ihren weitreichenderen politischen Zielen. Dafür finden sich zahlreiche Belege in Tagebüchern, Briefen, Erinnerungen, Gestapo-Verhörprotokollen und anderen Dokumenten aus dem Krieg. Im Sommer 1942 nannte Stauffenberg, laut Angaben seines Freundes Joachim Kuhn, die "Behandlung der Juden" als einen Grund, sich dem Krieg und dem Regime zu widersetzen. Weitere Quellen bestätigen Kuhns Angabe. In Erklärungen, die Stauffenberg 1944 mit verfasste, geißelten die Verschwörer die NS-Massenmorde und befahlen den Bezirkskommandanten, die Konzentrationslager zu befreien. Einige von ihnen, so etwa Hans von Dohnanyi, Hans Oster und Wilhelm Canaris, riskierten in wagemutigen Versuchen, Juden zu retten, sogar ihr Leben.

Am wichtigsten aber: Viele Verschwörer waren lange vor 1944 schon im Bilde. Selbst als ihnen klar wurde, dass die Alliierten Deutschland nach einem Staatsstreich keine Konzessionen machen würden, beschlossen sie dennoch, mit der Ausführung ihres Vorhabens zu beginnen. Von Generalmajor Henning von Tresckow, Stauffenbergs engem Verbündeten, stammen die bekannten Worte: "Das Attentat muß erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig." Der Anführer der Bewegung, Generaloberst Ludwig Beck, und sein engster Mitstreiter, Carl Friedrich Goerdeler, argumentierten ähnlich. Goerdeler schrieb, dass die Ermordung von Polen, Russen und Juden sowie die verbrecherische Natur des Krieges das Komplott zur Ermordung Hitlers rechtfertigten.

Letztlich geht es völlig an der Sache vorbei, wenn Karlauf einen anachronistischen Gegensatz zwischen moralischen und patriotischen Motiven konstruiert. Das moralische Bewusstsein der führenden Verschwörer bewegte sich in einem patriotischen Rahmen, und ihr Patriotismus schloss eine starke ethische Komponente ein. Das ist der Schlüssel, um die Mentalität vieler deutscher Widerstandskämpfer aus der Bewegung des 20. Juli und darüber hinaus zu verstehen.

Aus dem Englischen von Michael Adrian