Es sind knapp 50 Kilometer von der Ortschaft Brumadinho bis nach Belo Horizonte, der Hauptstadt des Bundesstaats Minas Gerais. Rund anderthalb Stunden braucht man mit dem Auto für die kurze Distanz im Südosten Brasiliens.

Und irgendwo auf der Strecke zwischen der Hauptstadt und der Siedlung verläuft eine unsichtbare Grenze: zwischen der Welt des brasilianischen Bergbaus mit ihren ganz eigenen Gesetzen – und der des brasilianischen Rechtsstaats. Der wird in einem zwölfstöckigen Betonbau in Belo Horizonte von Andressa de Oliveira Lanchotti vertreten. Sie ist Staatsanwältin und seit 20 Jahren auf Umweltverbrechen spezialisiert.

Seit Januar hat sie es mit einem besonders schweren Fall zu tun, bei dem es auch um die Redlichkeit des Zertifizierungsunternehmens TÜV Süd aus München geht. Am 25. Januar dieses Jahres brach der Damm eines Abwasserbeckens voll giftiger Bergbaurückstände nahe dem 40.000-Einwohner-Ort Brumadinho. Zwölf Millionen Kubikmeter Schlamm schossen mit bis zu 120 Stundenkilometern ins Tal. Mindestens 248 Menschen starben. Die Staatsanwältin ermittelt gegen Mitarbeiter des Minenbetreibers Vale, und sie untersucht die Rolle von TÜV Süd.

Lanchotti führt durch die zehnte Etage des Gebäudes der Staatsanwaltschaft, vorbei an Bürotüren, hinter denen rund zwanzig Ermittler seit sechs Monaten Beweismaterial sichten: Akten, Tonaufzeichnungen, beschlagnahmte Messinstrumente, Aussageprotokolle. "Es geht sowohl um geschädigte Einzelpersonen als auch um Schäden an einer ganzen Region", sagt die Mittvierzigerin.

Vale ist einer der größten Bergbaukonzerne der Welt. Er fördert Eisenerz, Nickel, Gold, Silber, Kohle und Bauxit. Im Jahr 2018 machte der Konzern rund 36,6 Milliarden Dollar Umsatz. Entsprechend groß ist sein politischer Einfluss.

239,5 Milliarden Dollar betrug der Wert der Mineralien-Exporte aus Brasilien in 2018

TÜV Süd beurteilt als Dienstleister Industrieanlagen, Kraftwerke, Seilbahnen weltweit. Im Auftrag der Kunden werden etwa Sicherheitsgutachten erstellt. In Brasilien hat TÜV Süd für Vale den Damm von Brumadinho beurteilt. Die Aktiengesellschaft lebt von ihrem tadellosen Ruf, entsprechend heikel sind die Vorgänge in Brasilien.

Nur wenige Tage nach der Katastrophe von Brumadinho wurden die TÜV-Mitarbeiter Makoto N. und André Y. festgenommen. Die beiden hatten im Jahr 2018 in einem Gutachten bestätigt, dass der Damm bei Brumadinho stabil sei. In einer ersten Vernehmung durch die Polizei erklärte der Ingenieur N., dies unter Druck getan zu haben – Druck von dem Auftraggeber Vale. Das geht aus Ermittlungsakten hervor, die der ZEIT vorliegen. Eine Woche später wurden beide Männer wieder freigelassen, aber nur vorläufig.

Das war nur ein Anfang, ein kleines Indiz. In Brasilien war die Vernehmung der TÜV-Ingenieure der Auftakt für eine Serie von Untersuchungen durch Polizei, Staatsanwaltschaft, Parlament und Privatermittler – und heute, sechs Monate nach der Katastrophe, zeichnet sich ein verheerendes Bild von den Zuständen bei TÜV Süd, bei Vale und der brasilianischen Bergbaubranche ab.

Insbesondere in Bezug auf TÜV Süd stellt sich – wenngleich noch kein abschließendes Urteil gegen das Unternehmen oder seine Mitarbeiter ergangen ist – die Frage: Wie konnte es passieren, dass sich dieses Unternehmen ins Geschäft der Zertifikation von Minenschlamm-Dämmen begab, das für Korruption und Fahrlässigkeit im Land bekannt ist?