Eine Hochzeitsfeier kann zum Kulminationspunkt lange verdrängter Konflikte werden. So auch im Fall des ungleichen Paars, das Franz zu fotografieren hat: Die Braut fragt den Fotografen, wie oft es sich schon jemand vor dem Traualtar anders überlegt habe. Die Mutter des Bräutigams hält ihre Schwiegertochter in spe für unwürdig. Im Verlauf des Abends taucht eine Gruppe so aggressiv wie angeberisch auftretender Männer auf, die die Braut entführen und erst tief in der Nacht zurückbringen – ihre Ex-Freunde, wie sich später herausstellt. Am nächsten Morgen findet man die junge Frau mit gebrochenem Genick am Fuß eines Abhangs. Ob ihr Tod ein Unfall war, ein Suizid oder gar ein Mord, ist eine der leitmotivischen Fragen, die sich in eleganten Schleifen durch Norbert Gstreins neuen Roman ziehen. Und der Tod der Braut wird nicht der einzige rätselhafte Todesfall bleiben, in den der Ich-Erzähler Franz verwickelt ist.

Der Österreicher Norbert Gstrein hat die Verweigerung erzählerischer Eindeutigkeit in seinen Romanen zum ästhetischen Programm erhoben und von Buch zu Buch verfeinert. Wem gehört eine Geschichte?, so lautete der Titel eines Essay-Bandes aus dem Jahr 2004, in dem Gstrein die Notwendigkeit faktischer Konsistenz in fiktionalen Texten überprüft. Die Fakten in Als ich jung war ließen sich folgendermaßen zusammenfassen: Franz ist der Sohn eines Hoteliers, der sich auf die Ausrichtung von Hochzeiten spezialisiert hat. Nach dem rätselhaften Tod der Braut bricht Franz in die USA auf, arbeitet als Skilehrer in den Rocky Mountains und kehrt 13 Jahre später zurück nach Tirol, wo der Bruder mittlerweile den Hotelbetrieb übernommen hat. So könnte es gewesen sein, aber eben auch ganz anders. Denn Franz, der gescheitert und mittellos in die Heimat zurückkommt, bleibt als Erzählinstanz ebenso undurchschaubar wie unzuverlässig.

Der innere Motor, der Gstreins auf eine unheimliche Weise gelungenes Buch antreibt, ist eine dunkle Sexualität; ein Gemisch aus Scham und Tabuverletzungen. Damit verbunden sind Erfahrungen von Demütigung, Grenzüberschreitungen und eine Nebelwand aus Gerüchten, Bezichtigungen und Verdächtigungen. Da ist Sarah, ein Mädchen, mit dem Franz während einer der Hochzeitsfeiern auf den Berg gegangen ist und die als diffuses Sehnsuchtswesen durch den Roman geistert. Hat Franz sie gegen ihren Willen geküsst? Oder gar Schlimmeres? Wusste er wirklich nicht, dass sie zu diesem Zeitpunkt erst 13 Jahre alt war? Da ist Professor Moravec, ein aus Tschechien emigrierter Raketenforscher, zu dessen Vertrautem und Skilehrer Franz in den USA wird. War das geradezu manische Interesse des Professors an einer Serie unaufgeklärter Vermisstenfälle von jungen Mädchen mehr als nur ein Tick? Auch das wird nicht zu klären sein, denn Moravec bringt sich selbst gleich zu Beginn des Romans auf spektakuläre Weise um. In einem Nebensatz wiederum erzählt Franz von eigenen Missbrauchserfahrungen während seiner Internatszeit, die ihn selbst zu einem Beschädigten haben werden lassen. Und schließlich: War Franz tatsächlich in jener Nacht vor 13 Jahren, in der die Braut starb, unterwegs, gar in der Nähe des Abgrunds, wie ein sinistrer Polizist, befeuert von Spekulationen, Franz unterstellt?

Wo der öffentliche Diskurs vorgibt, mit Schlagworten wie "#MeToo" oder "toxische Männlichkeit" Eindeutigkeit herstellen zu können, und zugleich in einen Anklagemodus umschaltet, löst Norbert Gstrein vermeintliche moralische Überlegenheit in literarische Genauigkeit auf. Es gibt kaum einen Autor, der so treffsicher in jene Zwischenräume vorzustoßen vermag, in denen Menschen sich ihrer selbst ungewiss werden.

Die Kunst dieses Verfahrens besteht darin, dass alle Unklarheiten und Ambivalenzen in eine straffe Handlungs- und Denkstruktur eingefasst sind. Wer der Schönheit der langen, windungsreichen Sätze Gstreins folgt, gerät leicht in Gefahr, die raffinierte Konzeption, die hinter ihnen steht, zu übersehen.

Das Unbehagen, das die Lektüre erzeugt, hat nichts Raunendes. Was Gstrein antreibt, ist die Frage, wie viel ein Mensch über sich, über die eigenen Abgründe und über die der anderen wissen kann. Und inwieweit dieses vermeintliche Wissen sprachlich verfügbar ist. In der nicht eben sympathischen Franz-Figur scheint eine Sehnsucht nach Selbstauslöschung und Selbstüberschreibung auf.

"Als ich jung war", so schreibt Franz gleich zu Beginn, "glaubte ich an fast alles, und später an fast gar nichts mehr, und irgendwann in dieser Zeit dürfte mir der Glaube, dürfte mir das Glauben abhandengekommen sein." Der Text, den wir vor uns haben, ist der Versuch einer Selbstrettung durch die Neuverfassung einer verfehlten Biografie. Dass es dabei keine Sicherheiten gibt, versteht sich von selbst. Norbert Gstrein bei diesem Projekt, das ein Lebensprojekt ist, lesend zu begleiten ist ein düsteres Vergnügen.

Norbert Gstrein: Als ich jung war. Roman; Hanser, München 2019; 350 S., 22,– €, als E-Book 16,99 €