Boris Johnson ist am Ziel. Er hat erreicht, worauf er hart hingearbeitet hat: Er ist Premierminister Großbritanniens – und Europas politischer Sprengmeister. Er war bereit, sein Land zu spalten, in Pro-Europäer und Anti-Europäer. Und er war bereit, die Briten zu belügen. Jetzt ist Johnson der Verhandlungspartner der EU bei den Brexit-Gesprächen. Was er in der Heimat geschafft hat, versucht er nun auch international hinzubekommen: die Spaltung Europas. Dem müssen sich die Regierungen der europäischen Staaten widersetzen.

Johnson will das Abkommen, das seine Vorgängerin Theresa May mit der EU ausgehandelt hat, nicht anerkennen. Er hat aber auch keine Idee vorgetragen, wie er die Probleme rund um den verfahrenen Brexit lösen könnte. Der EU-Ausstieg ist für ihn bloß eine nützliche Nebenbühne der Innenpolitik. Durch seine antieuropäischen Inszenierungen sichert er sich die Unterstützung der Hardliner im Land. Er setzt dabei auf harte Sprüche und Symbole. Schon vor seiner Wahl hatte er kräftige Töne angeschlagen: Am 31. Oktober werde Großbritannien unter seiner Führung die EU verlassen, "do or die" – komme, was wolle.

Es geht um mehr als ein paar lästige Grenzkontrollen: Es geht um den Frieden

Dabei knüpft Johnson Gespräche an Bedingungen, die nicht einzuhalten sind. So wolle er erst in Brüssel verhandeln, wenn die EU sich bei der irischen Grenze flexibler zeige. Es geht um mehr als ein paar lästige Grenzkontrollen: Es geht um den Frieden in Nordirland. Denn nach einem EU-Austritt Großbritanniens würde Irland in der EU bleiben, Nordirland jedoch zum Vereinigten Königreich gehören. Es gäbe dann eine EU-Außengrenze auf der irischen Insel. Weil aber im Friedensabkommen von 1998 eine gesicherte Grenze zwischen beiden Teilen Irlands ausgeschlossen wurde, garantiert die EU den Iren, dass sie keine Grenzstationen errichten wird. Im Brexit-Abkommen steht, dass sich Großbritannien dafür übergangsweise den Handelsregeln der EU beugt. Für Boris Johnson ist dies unannehmbar.

Doch die Europäische Union kann sich in dieser Frage nicht bewegen. Das müsste Johnson eigentlich wissen. Die EU ist ein Friedensprojekt. Die Union darf keiner Politik zustimmen, die zu neuem Terror in ihrem Mitgliedsstaat Irland führen kann.

Wirtschaftlich hängt Nordirland von der Republik Irland ab. Eine Entfremdung könnte in Nordirland weniger Wohlstand nach sich ziehen. Denkbar ist außerdem, dass dann die Idee einer irischen Wiedervereinigung unter Nordirlands Bürgern populärer wird. Ein harter Brexit wäre damit auch eine Gefahr für die Einheit Großbritanniens. Auch in Schottland droht das Brexit-Chaos die Nationalisten zu stärken. Boris Johnson hat versprochen, Großbritannien zu einen, aber er könnte als derjenige Regierungschef in die Geschichte eingehen, der Großbritannien in Klein-Britannien verwandelt hat.

Ob er daran durch die Abgeordneten im britischen Parlament oder durch die Bürger bei Neuwahlen gehindert wird, liegt in der Hand der Briten. Die Unterhändler der EU können darauf aber nicht vertrauen. Für sie stellt sich die Frage, wie sie jetzt mit Johnson umgehen sollen. Wenn er nicht bereit ist, auf die EU zuzugehen, dann darf sie sich nicht von ihm erpressen lassen – und muss um des Friedens in Irland und um ihrer Einheit willen hart bleiben.

Diese Härte hätte aber auch für die EU einen Preis. Zum einen verlöre Europa einen verlässlichen Bündnispartner. Zum anderen bedeuteten künftige Grenzkontrollen zwischen Europa und Großbritannien, dass die Einfuhr europäischer Waren nach Großbritannien mit Zöllen belastet und somit weniger konkurrenzfähig würde. Das wäre eine große Gefahr für Arbeitsplätze und Wohlstand in Resteuropa.

Die EU "can go whistle", hat Johnson einmal gesagt: Die EU kann mich mal. Die Versuchung ist groß zu sagen: Du uns auch! Die Stärke der EU und ihrer Bürokraten ist es aber seit je, dass ihr Apparat politische Konflikte in förmlichen Verfahren verfriedfertigt und persönlichen Streit in Verordnungen ausnüchtert. Die Verhandler der EU sollten diese Stärke nicht aufgeben und darauf verweisen, dass es einen Scheidungsvertrag gibt, auf den man sich geeinigt hat. Boris Johnson, der die EU für seinen politischen Egoismus missbraucht, wird sich vor den Briten verantworten müssen. Am Ende werden seine Bürger darüber entscheiden, ob sie ihre Einheit wirklich Johnsons Starrsinn opfern wollen.