DIE ZEIT: Wir möchten mit Ihnen über Glaubwürdigkeit sprechen. Herr Diess, wie glaubwürdig ist es, wenn Sie einerseits den Elektrovorreiter geben, aber andererseits PS-Monster wie den Touareg verkaufen?

Herbert Diess: Wir investieren über 30 Milliarden Euro in die Elektromobilität. Das Geld dafür muss man verdienen. Und das geht am besten mit großen Autos, weil die höhere Margen haben. Ich finde es glaubwürdig, die Zukunft aus dem derzeitigen Geschäft zu finanzieren. Und den Touareg gibt es bald auch als Hybrid. Außerdem bestimmt die Nachfrage unserer Kunden das Angebot.

ZEIT: Warum bauen Sie nicht gleich kleinere Autos mit Elektroantrieb, anstatt die PS-Monster halb zu elektrifizieren?

© Andre Kirsch für DIE ZEIT

Diess: In der Automobilindustrie haben wir schon immer Innovationen über das Premiumsegment, also über größere und teure Autos, finanziert und diese Innovationen dann später einem breiten Publikum zur Verfügung gestellt. Nächstes Jahr startet unsere breit angelegte E-Offensive der Marke Volkswagen. Wir bringen dann mit dem ID ein Elektrofahrzeug in der Golfklasse auf den Markt, das um die 30.000 Euro kosten wird.

ZEIT: Herr Özdemir, ist es glaubwürdig, wenn Grünen-Wähler SUV fahren?

Cem Özdemir: Ich schreibe niemandem vor, was er essen, was er trinken und was er fahren soll. Aber wer sich einen SUV kauft, soll bitte schön höhere Abgaben bezahlen und umweltfreundlichere Autos quersubventionieren.

ZEIT: Einverstanden, Herr Diess?

Diess: Wie gravierend der Klimawandel wird, hängt nicht vom SUV und auch nicht alleine vom Auto ab. Das Beste, was man fürs Klima tun kann, ist es, die Kohlekraftwerke abzuschalten. Das Elektroauto lohnt sich nur, wenn wir es CO₂-frei herstellen und betreiben können.

Özdemir: Damit machen Sie es sich zu einfach. Das Auto alleine ist für zwölf Prozent der CO₂-Emissionen verantwortlich. Wenn wir darüber nicht reden, sind die Klimaschutzziele nicht zu erreichen.

ZEIT: Batterien sind ökologisch eine Katastrophe. Warum sprechen Sie so wenig über die dreckige Seite der Mobilitätswende?

Özdemir: Das tun wir. Die Umweltbilanz von E-Autos ist mit Blick auf den Anteil problematischer Rohstoffe und das Recycling noch ausbaufähig. Verkehrswende heißt auch nicht, 47 Millionen Verbrenner eins zu eins durch E-Autos zu ersetzen, sondern Bahn, Bus und Radverkehr zu stärken. Im Übrigen sind die meisten Erdöl fördernden Länder nicht für Menschenrechte und Demokratie berühmt.

Diess: Elektromobilität hat viele Gegner. Sie ist eine Bedrohung für alle, die mit Kohlenwasserstoffen ihr Geld verdienen. Die Argumente gegen die Batterie sind aber alle zu entkräften. Ein Beispiel: Oft wird der Kobalt-Anteil kritisiert. Kobalt wird inzwischen zu 95 Prozent kontrolliert abgebaut, nur etwa fünf Prozent kommen aus nicht kontrollierten Minen – überwiegend im Kongo. Ohnehin verschwindet Kobalt in den nächsten Generationen aus der Batterie. Und in 15 oder 20 Jahren, wenn die Lebenszyklen der ersten Batteriegeneration enden, werden wir die Rohstoffe praktisch zu 95 bis fast 100 Prozent wiederverwenden.