Wer seinen Roman in Venedig spielen lässt, muss wissen, was er tut. Das literarische Venedig ist ein Geisterhaus, in dem nicht nur Thomas Mann herumspukt, sondern auch Patricia Highsmith, Harold Brodkey oder Louis Begley, um nur einige zu nennen. Gerhard Roth beheimatet seinen Helden trotzdem geradewegs auf dem Lido – von wo aus es in hohem Tempo durch die Serenissima und über den umliegenden Inselarchipel geht: keine Geisterbeschwörung, aber die Kulisse doch geschickt nutzend.

Roth ist seit den Siebzigerjahren ein bedeutender österreichischer Autor, Verfasser von Romanzyklen, Filmskripts und Essays. Oft war er ein harter politischer Kritiker seines Landes. Vor allem ist er bis heute ein vom Schreiben Besessener, da gelingt nicht alles. Um es gleich vorwegzunehmen: Die Sache ist trotz Erfindungsreichtum und überraschender Wendungen grenzwertig. Wenn es das Genre des "Anstrengenden Unterhaltungsromans" gäbe, dieses Buch wäre ein gutes Exempel dafür.

Es ist schwierig, zwischen die Opulenz Viscontis und die Banalwelt des Commissario Brunetti vom ZDF noch eigene Bilder und Atmosphären zu schieben. Auf starke Bilder legt es Roth jedoch an, er schwelgt in Beschreibungen, präsentiert die abgründigsten und geheimnisvollsten Charaktere und entwirft mit ihnen so etwas wie einen Filmplot. Dass er dabei alles tut, um sich auch literarisch zu behaupten, dass er die Literatur und ihr psychisches Zustandekommen zu einem Bestandteil seiner Kriminalhandlung macht, ist daneben eine ganz andere Sache.

Die Kombination funktioniert hier nicht. Der zeitgerechte Venedig-Roman, also derjenige, in dem art people, afrikanische Migranten und Mafiosi aus Osteuropa mitspielen, kann die Erinnerungslandschaft der Stadt nur vergessen oder zum Gegenstand einer Parodie machen. Dieser Roman hat parodistische Züge, man kann ihn eigentlich nur so lesen. Aber ob er auch so gemeint ist, bleibt die Frage.

Zu Beginn ist Lanz, ein literarischer Übersetzer mit einem Häuschen in der Nähe des berühmten Gustav-von-Aschenbach-Hotels, noch der übliche Verdächtige der venezianischen Romantik: alt, weiß und männlich, todessüchtig und emotional vertrocknet wie ein Tütchen Majoran. Man nimmt es ihm nicht ab, wenn er eines Tages den Entschluss fasst, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Seltsam ist auch, dass er dazu eine Reise nach Torcello unternimmt, sich dort drei Flaschen Wein verabreicht und zum Sterben in ein Gebüsch legt. Dort wird Lanz Zeuge eines Mordes. Aber weil er sich doch benommen fühlt, traut er seinen Sinnen nicht ganz.

Aus diesem Misstrauen entwickelt Roth alles Weitere: Es gibt Indizien dafür, dass der Mord tatsächlich geschah, es gibt sogar finstere Gestalten, die Lanz verfolgen, der nun aus seinem Trübsinn erwacht. Das neue Leben schickt ihn auf Verfolgungsjagden, führt ihm Frauen zu, verwickelt ihn in ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei und treibt ihn in die Arme eines geheimnisvollen Mannes im Hintergrund – halb James-Bond-Bösewicht, halb gaukelspielender Prospero. Am Ende wird er sogar selbst zum Mörder, bis der Roman erschöpft in sich zusammensinkt.

In einem Wort, das Ganze ist vollkommen unglaubwürdig. Lanz ist weder eine Figur, die zur Lektüre-Empathie einlädt, noch bemüht sich sein Autor, zu erklären, warum sich diese Figur so und nicht anders verhält. Aber das möchte Roth auch gar nicht, denn sein Programm ist ein anderes: Die Geschichte, wiewohl personal erzählt, ist im Grunde ein langer innerer Monolog, ein Streifzug durch eine beschwipste Monade, in die plötzlich Licht fällt. Lanz’ Synapsen bringen die literarischen Geister zum Tanzen und reimen sich den Zusammenhang einer Romanhandlung herbei. Worauf das hinausläuft, bleibt offen. In Roths Venedig kann es keine Wahrheit geben, deswegen auch keine Gerechtigkeit.

Gerhard Roth: Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier. Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2019; 368 S., 25,– €, E-Book 22,99 €