Eine starke Bevölkerungszunahme sowie die gewachsene Bedeutung von Rohmaterialien wie zum Beispiel Metallen, die nicht für alle in gleicher Weise zugänglich waren, konnten dann zu unterschiedlichen Eigentumsverhältnissen, zu sozialer Schichtung und zur Entstehung von Herrschaftseliten führen. Aber aus solchen komplexen Gesellschaften entstanden nicht zwangsläufig Städte und Staaten. Dies geschah nur, wenn weitere Voraussetzungen gegeben waren, nicht zuletzt Schrift und Verwaltung, um den gewachsenen Regelungsbedarf in riesigen Bevölkerungsagglomerationen zu bewältigen. Dabei zeigt die Archäologie, dass es sehr wohl auch andere Wege gab: So entstanden zum Beispiel östlich der Karpaten im 5. Jahrtausend v. Chr. gigantische Siedlungen mit Tausenden von Bewohnern, ohne dass die Schrift erfunden worden wäre oder diese Orte sich zu Städten entwickelt hätten. Ganz im Gegenteil: Nach wenigen Jahrhunderten verfielen diese Plätze wieder, und die Menschen kehrten zu einer mobileren Lebensweise zurück.

Natürlich kam es in den mesopotamischen Stadtstaaten und in späteren altorientalischen Reichen nicht nur zu einer Blüte von Architektur, bildender Kunst und Kultur, sondern auch zu Unterdrückung, Sklaverei, Steuereintreibung und jeglicher Art von Ungleichheit bis hin zu Umweltzerstörung. Scott folgert hieraus aber eine unvermeidliche Zwangsläufigkeit, wonach Sesshaftigkeit und städtisches Leben immer in Zuständen endeten, in denen lediglich die herrschenden Eliten die Vorzüge genießen konnten, während das sesshafte, städtische Dasein für den überwiegenden Rest der Bevölkerung ein nur schwer erträgliches Unglück gewesen sein soll. Doch bei genauerer Betrachtung der archäologischen Quellen in erweiterter geografischer und zeitlicher Perspektive wird eine überraschende Vielfalt von möglichen Entwicklungen sichtbar, die von diesem etwas eindimensionalen Bild abweichen.

Das Glück der Barbaren

Wenn Scott dann aber mobile "Barbaren" als das einzig glückselig machende Gegenmodell ("Das goldene Zeitalter der Barbaren") propagiert, weil sie befreit gewesen seien von Landwirtschaft und staatlichem Zwangsregime, dann wirkt das doch überraschend romantisch verklärt und dürfte mit der historischen Wahrheit ziemlich wenig zu tun haben. Über die wirklichen Überlebensprobleme von Wildbeutern in ferner Urzeit wissen wir im Zweifelsfall schlicht zu wenig, und auch bei Nomaden späterer Epochen gab es in gehörigem Maße Ungleichheit, soziale Schichtung, Unterdrückung und Sklaverei.

Scotts Buch ist vorzüglich geschrieben und ausgesprochen anregend. Es entwirft auf den ersten Blick ein faszinierendes Gegenmodell zur angeblich vorherrschenden Meinung vom Verlauf früher Kulturentwicklungen. Bei genauerer Kenntnis der archäologischen Grundlagen und der so unterschiedlichen Entwicklungen provoziert es aber dann doch gelegentlich Stirnrunzeln und Widerspruch. Scott reißt theoretische Gebäude ein, die die Forschung vielfach so schon gar nicht mehr vertritt, und ersetzt sie durch neue, die Dinge überzeichnende Annahmen, die bisweilen nicht weniger spekulativ sind.

Und doch bieten Bücher wie dieses bei aller kritischen Distanz vielfache Möglichkeiten zum Nachdenken, zur Zustimmung und zum Widerspruch; gerade das macht sie so wertvoll. Die wirkliche Geschichte der frühen Menschheit steckt aber immer noch voller Rätsel, daran ändert auch dieses Buch nichts.

James C. Scott: Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten; Suhrkamp Verlag, Berlin 2019; 329 S., 32,– €, als E-Book 27,99 €