Auf Kritik an staatlichen Machtsystemen versteht sich James C. Scott, renommierter amerikanischer Politikwissenschaftler und Anthropologe von der Yale University. Wenn jemand wie der 82-jährige Scott, der ansonsten Phänomene der Gegenwart erforscht, sich nun plötzlich der fernen Urgeschichte widmet, so darf man gespannt sein, welche Rolle die Quellen im Verhältnis zu seinen theoretischen Überlegungen spielen. Sind seine Schlussfolgerungen empirisch gewonnen oder nur das Ergebnis subjektiver Interpretationen archäologischer Sachverhalte?

Scotts neuestes Werk also widmet sich der Entstehung der frühesten Staaten. Sein Fokus liegt dabei auf Mesopotamien, wenngleich er gelegentlich auch Entwicklungen in Ägypten, dem Indus-Tal, China oder Mesoamerika vergleichend hinzuzieht, jedenfalls immer dann, wenn sie seine Thesen zu erhärten scheinen. Scott versucht dabei die gängige Annahme zu widerlegen, dass die Entstehung dörflichen Lebens mit Landwirtschaft und Ortsbindung ein gewaltiger zivilisatorischer Fortschritt gegenüber dem vorangegangenen Dasein als Wildbeuter gewesen sei, als die Menschen Jäger und Sammler waren und ausschließlich aneignend wirtschafteten. Insofern trifft der Titel der englischen Originalausgabe Against the Grain ("Gegen das Korn") das Ziel seiner Studie besser als der deutsche Titel Die Mühlen der Zivilisation. Der üblichen zivilisatorischen Erzählung zufolge hätten Sesshaftigkeit und produzierendes Wirtschaften mit Ackerbau und Viehzucht schließlich zur Entstehung von Städten und Staaten geführt, was gern als eine einzige Erfolgsgeschichte der Menschheit mit allenfalls kleineren Kollateralschäden angesehen wird.

Mit dieser eindimensionalen Vorstellung will Scott aufräumen, ja er möchte sie geradezu ins Gegenteil verkehren. So habe die archäologische Forschung in den letzten Jahren neue Ergebnisse erzielt, die immer deutlicher zeigten, dass die Sesshaftigkeit eben nicht das Beste war, was der Menschheit passieren konnte. Hier fängt es an, interessant zu werden: Das Buch soll ein kritisches Unternehmen sein, das die gängige Vorstellung der Staatsentstehung gegen den Strich bürstet.

Scott hat zweifellos recht, dass Pflanzen- und Tierzucht nicht plötzlich erfunden worden sind, weshalb der übliche Begriff einer "Neolithischen Revolution" unzutreffend ist. In der Tat war es ein Jahrtausende und Jahrzehntausende umfassender Prozess der unentwegten Beobachtung und Auseinandersetzung des Menschen mit der ihn umgebenden Natur. Schon lange vor der Sesshaftigkeit gelang es ihm, gestaltend auf die natürliche Umwelt Einfluss zu nehmen. Der Übergang zu Landwirtschaft und bäuerlichem Leben vollzog sich dabei schrittweise und allmählich. Eine Vielzahl unterschiedlicher Überlebensstrategien existierte vielfach noch Jahrhunderte nebeneinanderher: Nicht jeder wurde sofort Bauer und Viehzüchter.

Zentral ist für Scott die Erkenntnis, dass aus der sesshaften Lebensweise eben nicht direkt und unmittelbar immer die Entstehung von staatlichen Gebilden hervorgegangen sei. Das ist zwar richtig, doch wer hat je das Gegenteil behauptet? Richten wir den Blick über Mesopotamien hinaus auch auf andere Gebiete der Alten wie der Neuen Welt, so muss man feststellen, dass erstens immer sehr viel Zeit zwischen Sesshaftigkeit und Staatsentstehung vergangen war und dass zweitens Städte und Staaten eben gerade nicht die stets zwangsläufige Folge von bäuerlichem Leben gewesen sind. Vielmehr sind die Entwicklungen durch ein teilweise extremes Auf und Ab gekennzeichnet, das in Mitteleuropa noch nicht einmal mit den Römern endete, sondern erst mit der Christianisierung im Frühmittelalter.

Scott beschreibt sehr überzeugend, dass Sesshaftigkeit und Landwirtschaft keinesfalls nur ein sorgenfreies Leben bescherten. Zwar machte produzierendes Wirtschaften die Ernährung planbarer als das Warten auf Jagd- oder Sammlerglück, auch ließen sich durch Überschussproduktion und Vorratswirtschaft größere Gemeinschaften dauerhaft versorgen. Andererseits konnten Missernten oder Viehseuchen schnell die Existenz ganzer Siedelgemeinschaften gefährden. Durch das Zusammenleben mit domestizierten Tieren auf engstem Raum übertrugen sich lebensgefährliche Krankheitserreger auf den Menschen, die sogenannten Zivilisationskrankheiten entstanden. Doch all diese Einsichten sind nicht wirklich neu, Jared Diamond schrieb bereits vor 30 Jahren darüber. Die Ernährung von Sesshaften war einseitiger, Mangelerscheinungen traten häufiger auf, als dies bei Wildbeutern der Fall war, die von gejagtem Frischfleisch und gesammelten Nüssen, Beeren und anderen Waldfrüchten lebten. Wir erleben heute mit der Paläodiät eine Wiedergeburt dieser wildbeuterischen Ernährungsweise, die landwirtschaftliche Produkte weitgehend ausschließt und dies als das wirklich gesunde Leben propagiert.