Magie des Puddings – Seite 1

Lana kann es nicht lassen. Die Zweijährige schiebt sich drei Maiscracker auf einmal in den Mund, lutscht an den Salzgebäckstücken, schleckt die Finger ab. Zum Frühstück habe sie heute schon Fruchtjoghurt, Nutella und Schokopudding verputzt, erzählt Mama Natalya bei der Visite und strahlt über beide Ohren.

Es ist Tag zehn für Lana in der Esslernschule in Graz. Die Therapeutin Marion Russell stellt das Kind auf die Waage: 18 Gramm mehr. Die Erwachsenen jubeln. Lana schaut verdutzt und schiebt sich gleich noch einen Cracker in den Mund. 18 Gramm wiegen verdammt viel in Lanas Welt.

Sie ist ein zartes Mädchen mit großen blauen Augen und blond gelockten Haaren, das mit einem seltenen Herzfehler auf die Welt kam. Die Hälfte ihres jungen Lebens verbrachte sie in Krankenhäusern in Linz und Kitzbühel, eine große Narbe über ihrer Brust erinnert an eine schwere Operation. Seit der Geburt wird sie durch ein Loch in der Bauchdecke von einer Sonde mit vorgefertigter Nahrung ernährt. Essen, die natürlichste Sache der Welt, hat Lana nie gelernt. Saugen, kauen, schlucken – all das fiel ihr bis vor wenigen Tagen noch unglaublich schwer. Und Hunger, den kannte sie bislang auch noch nicht.

In der Esslernschule in Graz soll Lana nun spielerisch erarbeiten, wie man selbstständig isst – damit sie bald nicht mehr von der Sonde abhängig ist. Zwei Wochen lang üben das Mädchen und sieben andere Kinder mit einem Team aus Esstherapeuten und Logopäden, Psychologen und Ärzten, wie das geht. Neben Patienten wie Lana sind auch extrem heikle oder traumatisierte Kinder dabei, die Angst vor dem Schlucken haben oder nur einen ganz bestimmten Schokopudding essen wollen. In Graz baden sie in einem Meer aus Junkfood, basteln Fantasietiere aus Salzteig und wühlen mit den Fingern in Spaghetti und Obstbrei. Spiele-Essen nennt die Organisation NoTube dieses Konzept – das die erwachsenen Eltern anfangs oft vor den Kopf stößt.

Marguerite Dunitz-Scheer, eine mütterlich wirkende Frau mit dunklem Haar und roter Brille, hat NoTube gemeinsam mit ihrem Mann Peter Scheer gegründet. Die pensionierte Kinderfachärztin und Psychotherapeutin sitzt auf einem roten Sofa in der NoTube-Villa in Graz-Geidorf und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Fast 35 Grad herrschen an diesem Sommertag, und die Nacht war kurz. Bis nach Mitternacht hat Dunitz-Scheer Mails von Eltern ihrer kleinen Patienten beantwortet. Seit neun Uhr morgens sitzt sie nun schon wieder in der Villa und berät die besorgten Mütter und Väter: Wie viel Flüssigkeit ist ausreichend bei dieser Hitze? Was tun, wenn die Tochter beim Schlucken würgt? Und soll Mama die Nudeln rot einfärben, wenn der Sprössling die Farbe Rot liebt, aber keine Nudeln?

Marguerite Dunitz-Scheer kennt solche Fragen. Bis 2017 leitete die gebürtige Schweizerin gemeinsam mit ihrem Mann die Abteilung für Psychosomatik an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz. Ihr Schwerpunkt: frühkindliche Essverhaltensstörungen. Eine Sonde sei eine fantastische Errungenschaft, sagt Dunitz-Scheer, sie habe vielen Säuglingen und Kindern das Leben gerettet. Aber eine Sonde wirft auch ein großes Fragezeichen auf: Wer lehrt den Kindern das autonome Essen, wenn der PVC-Schlauch medizinisch nicht mehr notwendig ist?

Was selbst viele Mediziner nicht wissen: Ein Kind, das den natürlichen Prozess des Essenlernens verpasst hat – von der Muttermilch über den Brei zur festen Nahrung – kann diesen nur schwer aufholen. Essen lernen, das sei eben eine Fertigkeit, die normalerweise mit zwei Jahren abgeschlossen sei, sagt Dunitz-Scheer. "Viele Kinder werden weiter von einer Sonde ernährt, obwohl es gar keinen medizinischen Grund mehr dafür gibt. Die Chirurgen sagen: "That’s none of my business." Dunitz-Scheer beginnt viele ihrer Sätze auf Deutsch und lässt sie auf Englisch enden, sie ist ständig von vielen Sprachen umgeben.

Die Kinderärztin nahm sich dieses Problems an. In der Grazer Kinderklinik experimentierte sie mit sogenannten Esslern-Picknicks, um ihre Patienten haptisch und sensorisch an Nahrung heranzuführen: Auf den Krankenhausbetten ließ sie ihre Sorgenkinder an Keksen lutschen und im Brei panschen. Die Kinder, bislang von der sterilen Sonde versorgt, sollten Essen riechen, spüren und schmecken. Sie sollten auch ein natürliches Hungerempfinden entwickeln, statt von dem Schlauch ständig übersättigt zu werden. Mit Erfolg, sagt Dunitz-Scheer: Mehr als 3000 Kinder habe man auf diese Weise von der Sonde entwöhnt. Die Ärztin taufte ihre Erfindung das "Grazer Modell", schrieb medizinische Fachartikel darüber und erzählte auf Konferenzen davon.

"Krankenhäuser sind Anti-Esswelten", sagt sie, und deshalb nur bedingt geeignet, die sinnliche Erfahrung des Essens zu machen. Es rieche nach Hygiene, medizinische Instrumente würden den Kindern Angst einjagen. Vor zehn Jahren gründete sie deshalb mit ihrem Mann die gemeinnützige Organisation NoTube, vorerst ein kleines Familienunternehmen. Heute ist NoTube Europas Marktführer in Sachen Sondenentwöhnung und nennt sich "die erste Esslernschule der Welt". Statt in einer Klinik ist die Schule in einer bunten und großzügigen Villa mit Garten untergebracht, überall liegt Spielzeug, aus der Küche steigt der Duft von gebratenen Kartoffeln.

"Böses Essen gibt es nicht"

Verzweifelte Familien aus der ganzen Welt pilgern seither nach Graz, um sich helfen zu lassen. Jeden Monat findet ein zweiwöchiges Training statt. Von morgens bis abends wird in Gruppen- und Einzeltherapien die sensorische Wahrnehmung geschult und das Essen geübt. Die Hälfte der Patienten sind ehemalige Frühgeborene, viele von ihnen haben schwere Behinderungen oder körperliche Beeinträchtigungen. Doch auch immer mehr sogenannte picky eater, also extrem pingelige Esser, sollen vom Grazer Modell profitieren.

Paul aus Berlin ist einer von ihnen. Der Fünfjährige hat sich auf ganz bestimmte Lebensmittel spezialisiert. "Sein Standardprogramm: Weißbrot, Äpfel und Bananen", zählt Mama Peggy auf. Hin und wieder dürfe es auch ein Bio-Schokopudding sein, allerdings nur ein ganz bestimmter in grüner Verpackung. Dunitz-Scheer sagt: "Picky eating ist die Reaktion von vielen Kindern auf den Überfluss." Wenn ein Kind im Supermarkt vier Regalmeter voller Joghurtbecher sehe, sei das "too much". Die Kleinen würden sich deshalb auf Farben, bunte Sticker oder lustige Figuren fokussieren. Trotz oder gerade wegen der Überflussgesellschaft gebe es aktuell so viele frühkindliche Essstörungen wie noch nie.

Zu Hause in Berlin machte Pauls Essverhalten den Alltag für die vierköpfige Familie immer konfliktreicher. Gemeinsame Abendessen wurden zur Tortur, Paul tobte und trotzte, wenn man ihn zu unbekannten Speisen überredete. Arztbesuche blieben ergebnislos: Weil dem Buben körperlich nichts fehlte, nahmen die Ärzte die Familie nicht ernst. Auf einer Messe lernte Pauls Mutter NoTube kennen. "Dort habe ich mich zum ersten Mal verstanden gefühlt." Doch die hohen Kosten schreckten ab: 8640 Euro würde allein die zweiwöchige Therapie in Graz kosten. Wo sollte die Familie das Geld nur hernehmen? Die Krankenkasse wollte den Betrag nicht übernehmen.

Peggy startete einen Spendenaufruf in einem Berliner Regionalmedium, später schrieb sogar die Bild-Zeitung über ihren Sohn: "Paul (5) isst nur altes Brot und Äpfel." Bald war ein Großteil des Geldes zusammen. So wie in Pauls Fall müssen die Familien für die Therapie selbst aufkommen. Dunitz-Scheer hofft jedoch, dass sich das bald ändert. Seit diesem Jahr ist NoTube eine offiziell anerkannte Krankenanstalt. Damit kann die Organisation nun auch um Kassenverträge mit den Sozialversicherungen ansuchen.

Paul fühlt sich sichtlich wohl in der Grazer Villa. Er tobt mit der Spritzpistole durch den Garten und schleicht um den grünen Kühlschrank in der Küche herum. Hinter der Tür versteckt sich ein Schlaraffenland für Schleckermäuler: Pudding und Eiscreme, Schokoriegel und Haselnussdesserts. Die Kinder dürfen sich dort frei bedienen. Paul schnappt sich eine Eisschlecker. "Wir mussten uns erst an die NoTube-Philosophie gewöhnen", seufzt Mama Peggy, zu Hause gebe es Süßigkeiten nur in Maßen. In der Parallelwelt von NoTube gelten jedoch andere Gesetze: "Zucker ist dein Freund", da er hungrig macht. "Wasser" hingegen "ist dein Feind", weil es keine Kalorien zuführt. Dunitz-Scheer glaubt: "Böses Essen gibt es nicht. Unsere heutige Welt hat das Thema Essen zum Religionsersatz erklärt."

Noch etwas stellten die Therapeuten in Graz fest: Paul ist hypersensibel, bestimmte Gerüche oder Texturen sind für ihn unerträglich. Bis vor Kurzem konnte er nicht barfuß über eine Wiese laufen. Wurst und Fleisch ekeln ihn, vor allem der Geruch. Auch matschiges Essen fasst er nicht an. Die Esstherapeutin Marion Russell schulte seine sensorische Wahrnehmung und entwickelte eine geheime Mission für ihn: Er solle mit seiner Supernase erschnüffeln, welches Menü es zum täglichen gemeinsamen Mittagessen gebe. "Ich habe versucht, ihm ein neues Talent zu geben, mit dem er sich identifizieren kann. Ein Talent, das ihn auch neugierig macht auf Essen."

Teil des NoTube-Konzepts ist es, die Eltern ebenso in die Therapie einzubinden – und sie das Erleben ihres Kindes spüren zu lassen. In einer Übung müssen sich wildfremde Väter und Mütter gegenseitig füttern. Sie binden sich Lätzchen um, löffeln sich Brei in den Mund und wischen sich die Brei-Reste von der Wange, ohne sich währenddessen sprachlich verständigen zu dürfen. Eine demütigende Erfahrung. Seither hütet sich Mama Peggy davor, Paul den Mund abzuwischen, wenn er sich angekleckert hat. Dass Tischmanieren vorerst keine Rolle spielen, mussten sie und andere Eltern erst lernen.

Überhaupt, die Erwachsenen. Man trifft hier die verzweifeltsten und zugleich tapfersten Eltern. Eltern, die zusehen mussten, wie ihr krankes Kind operiert und traumatisiert wurde. Mütter und Väter, die automatisch zu Helikoptereltern wurden und nun vertrauen lernen müssen. Eltern, die am Ende einfach nur der Wunsch eint, dass das eigene Kind Fischstäbchen oder Spaghetti mit Tomatensoße verschlingen mag.

Am Ende sind es dann auch die ganz kleinen Momente, die Mut machen. Valentina, die selbstständig aus einer kleinen Flasche trinkt. Paul, der zum ersten Mal in eine rote Paprika beißt. Oder eben Lana, die gedankenverloren Maiscracker knabbert.