Wachstumsschmerzen – Seite 1

Lange galten die Fachhochschulen als kleine Schwestern der Universitäten. Jetzt aber wollen sie mehr.

Mit 50 Jahren darf man schon mal großspurig sein. Und so gaben die knapp hundert Präsidenten der deutschen Fachhochschulen (FH) ihrem Mitte Juni beschlossenen Positionspapier einen schwergewichtigen Namen: Lübecker Manifest. Benannt nach dem Veranstaltungsort ihrer großen Jubiläumsfete. In der Unterzeile stand, worum es gehen sollte: "Von der Fachhochschule zur Hochschule für Angewandte Wissenschaft".

Dahinter verbirgt sich die Geschichte einer Evolution, auch einer Emanzipation: Fachhochschule will man nicht mehr heißen, sondern eben HAW. Auf Englisch klingt das noch besser: Als University of Applied Sciences werben diese Hochschulen weltweit für ein praxisnahes Studium.

Die Botschaft des Manifests erging an Universitäten und die Politik. Sie lautet: Wir sind wer in der Wissenschaft. Nehmt uns endlich ernst!

Das zur Schau getragene Selbstbewusstsein hat zwei Gründe. Zum einen hat Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) Anfang Mai den Ländern viele Bundesmilliarden zugesagt. Mit dem Geld des sogenannten Zukunftsvertrages sollen sie "Studium und Lehre stärken". Die HAWs betonen, sie hätten in den vergangenen Jahren die Hauptlast der Hunderttausenden zusätzlichen Studenten übernommen – weshalb sie jetzt auch besonders viel von dem Geld aus Berlin haben wollen.

Zum anderen tobt ein Streit um ein eigenes Promotionsrecht für die HAWs. In Hessen wurde es einigen Hochschulen bereits zugesprochen, auch Nordrhein-Westfalens Landesregierung hat es jetzt beschlossen, und zwar in Form eines "Promotionskollegs für angewandte Forschung NRW". Die Rektoren und Kanzler der Universitäten warnten prompt vor einem "Imageschaden", sollte das Kolleg eigenständig Doktorgrade verleihen: Es drohe die Schmalspurpromotion. Die HAWs hielten gegen: Die Einlassungen der Uni-Kollegen seien enttäuschend, sagte Markus Baumann, Rektor der Fachhochschule Aachen: "Wir hatten gehofft, miteinander reden zu können und nicht übereinander."

In ihrem Lübecker Manifest haben die HAWs der Forderung nach dem eigenen Promotionsrecht einen zentralen Platz gegeben. Es gehe um "die Stärkung des eigenen Profils und der Ausbildung des eigenen professoralen Nachwuchses", ist dort nachzulesen. "Forschungsstarke Fachrichtungen" an den HAWs sollten ihre Studierenden selbst promovieren dürfen – "unter Etablierung eines entsprechenden Qualitätssicherungssystems".

Sie kämpfen um ihren Status – und um Geld

Während die alten Universitäten also auf der Tradition beharren, dass nur sie Doktoren ernennen dürfen, stellen ihre jüngeren Schwestern die Grundsatzfrage: Was ist denn eigentlich eine gute und wichtige Promotion? Normierte Qualitätsstandards gelten bereits für die HAWs in Hessen. Dort müssen Fachbereiche eine bestimmte Publikationsstärke der beteiligten Professoren nachweisen, eine Mindestquote bei den eingeworbenen Drittmitteln oder auch obligatorische Betreuungsvereinbarungen, bevor sie selbst Promotionen durchführen dürfen. Für universitäre Fakultäten gibt es keinerlei solche Regeln.

Die Uni-Rektoren sind nicht bereit, Zugeständnisse zu machen. Für sie geht es ums Prinzip. Die Profile der Hochschularten würden verwischt, warnen sie. Statt dass die Fachhochschulen zu schwächeren Uni-Kopien werden, sollten sie lieber das Profil schärfen, das ihnen historisch zugedacht war: als akademische Ausbildungsstätte mit hohem Praxisbezug.

Doch die HAWs wollen das Promotionsrecht vor allem in den Fächern ausüben, die Unis gar nicht anbieten. Und die Forschung an den HAWs – die auch die Themen der Dissertationen bestimmen würde – ist ohnehin anders ausgerichtet: viel näher an der Anwendung, während die Universitäten vor allem die Grundlagen neuen Wissens erschließen sollen.

Wirklich verständlich wird dieser auf beiden Seiten trotzig anmutende Streit erst, wenn man ihn von einer ganz anderen Perspektive aus betrachtet. Denn weder den HAWs noch den Universitäten geht es einzig um das Wohl der Wissenschaft von morgen. Sie kämpfen um ihren Status – und um Geld.

Angewandte, wirtschaftsnahe Forschung ist zurzeit en vogue. Wissenschaftspolitiker fordern bei jeder Gelegenheit mehr "Transfer" von der Wissenschaft, soll heißen: Sie soll ihre Erkenntnisse zum Nutzen der Gesellschaft verfügbar machen. Die HAWs sind auf diesen Zug erfolgreich aufgesprungen. Sie sind wendig, haben im Kontakt mit Industrie und Wirtschaft keine Berühungsängste. Die Universitäten tun sich deutlich schwerer, ihre theorielastige Grundlagenforschung unters Volk zu bringen.

Das macht die HAWs selbstbewusst – und führt zu einer weiteren Forderung: Der Absenkung des Lehrdeputats. Derzeit liegt das Norm-Pensum von Uni-Professoren bei neun Semesterwochenstunden – während die HAW-Profs 18 Stunden unterrichten müssen. Eine Betreuung von Doktoranden ist so kaum zu leisten.

Am Ende ist es also eine einfache Rechnung: Je mehr Geld an die HAWs geht, damit sie sich statt der Lehre auch der Forschung zuwenden, desto mehr Geld brauchen sie auch für weiteres Lehrpersonal. Solange der zu verteilende Kuchen jedoch gleich groß bleibt, bleibt der Streit. Denn auch Uni-Rektoren können rechnen.