Der Himmel ist schwarz, schwere Rauchwolken verhüllen das Firmament, am Horizont zeigt sich schon der rötliche Schimmer eines näher kommenden Brands. "Die Welt steht in Flammen, lauft um euer Leben", sagt der alte Wolf zu den jungen Wölflein, denen er an diesem Abend aus einem Märchenbuch vorliest. Doch die jungen Wölflein halten auch das für ein Märchen, und man ahnt, dass sie am Ende der Geschichte verbrennen.

Fire Is Coming heißt dieses Stück des kalifornischen Produzenten Flying Lotus. Im dazugehörigen Video sieht man eine Familie von wolfsartig verkleideten Kindern am Vorabend der Apokalypse; dem Märchenonkelwolf leiht der große alte Apokalyptiker David Lynch seine Stimme. Unter der Erzählung mulmen murrende Bässe; grob angesägte Geigensaiten und ein präpariertes Klavier drehen sich in einem Loop, schließlich übernimmt ein rhythmisches Scheppern die Führung ins Nichts – bis es plötzlich glitzernden Sternenstaub regnet. Im folgenden Stück stiftet ein sphärisches Streichorchestergeräusch schöne Erlösungshoffnung; ein rasender Fusion-Jazz-Bass schlägt Kapriolen über Breakbeats, und Außerirdische beschießen sich mit piependen Laserwaffen, die in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts entworfen wurden.

Feuer ist ein Leitmotiv auf Flamagra, dem neuen Album von Flying Lotus; auch geht es um die Klänge verblichener Zukunftsvisionen, um Erinnerung an die Hoffnungen von einst und um den Blick in die Ungewissheit dessen, was kommt. Das Feuer dient als Symbol des Untergangs und der gefährdeten Zivilisation. Es kann aber auch für Reinigung und Wiedergeburt stehen – wie in dem Lied Land of Honey, dem die R-’n’-B-Sängerin Solange Knowles ihre Stimme leiht. Oder für interessanten Sex, wie in dem Stück Burning Down the House, in dem der große Funk-Meister George Clinton als Gastsänger erotisch beschwingt hechelt und gurrt, unterstützt von einem quiekenden und hustenden Chor gesangsbegabten Gemüses.

Flying Lotus heißt eigentlich Steven Ellison und wurde 1983 in Los Angeles geboren. Seine Großtante ist Alice Coltrane gewesen, die Meisterin des spirituellen Free Jazz der Siebzigerjahre. Von ihr hat er wohl den Hang zur Improvisation und zu kosmischen Visionen geerbt. Als Kind lernte er Jazz-Klavier, später reüssierte Ellison als Hip-Hop- und Industrial-Techno-DJ; auf seinem 2012 erschienenen Album Until the Quiet Comes wandte er sich der Kombination von analogen und elektronischen Instrumenten zu, von Samples, Field-Recordings und Gesang.

Dabei inszenierte er sich zunächst noch als omnipotenter Meister eines digitalen Maximalismus, als Virtuose neuen Typs – nämlich im Gebrauch der neuesten Produktionssoftware wie etwa von Ableton, die zum endlosen Übereinanderschichten von Rhythmen und Sounds verführt. Auf Flamagra sind die grimmige Hektik und Düsternis des digitalen Exzesses einer sonderbaren Mischung aus Nervosität und Entspanntheit gewichen. Immer noch hastet Ellison in seinen oft kaum zweiminütigen Stücken zwischen den Ideen und Inspirationen hin und her, zwischen den verschiedensten Stilen, Beats und Temperaturen. Doch liegt über allem zugleich die Stimmung einer unangestrengten Gelassenheit, eines Laufenlassens jenseits der kompletten künstlerischen Kontrolle: Der gute Geist der Jazz-Improvisation hat die Musik von Flying Lotus von ihren Verspannungen befreit.

Flamagra ist unter dem Eindruck der kalifornischen Waldbrände in den letzten Jahren entstanden; bei dem bislang letzten im November 2018 wurde auch der Ashram in den Santa Monica Mountains zerstört, in dem Alice Coltrane ihre letzten Lebensjahrzehnte als Heilerin und Musikerin verbrachte. Er habe seine Musik in ein Licht tauchen wollen, in dem die Bedrohung durch die Flammen und ihre Verheißung gleichermaßen zu spüren sind, erklärt Ellison. Man könnte auch sagen: Über seiner Musik liegt nun das Licht der Geschichte, des unaufhörlichen Werdens und Vergehens. Es ist eine Musik, die noch in ihren winzigsten Wendungen und Kombinationen jenes bewahren will, woraus sie erwuchs, und die zugleich unbeirrt nach den Klängen des noch nicht Gehörten, noch zu Erfindenden sucht.