Die türkische Regierung betont gern, sie habe 3,5 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen, mehr als jedes andere Land. Dagegen sagt die türkische Regierung nicht so gern, dass sie syrische Flüchtlinge in Kriegsgebiete in Syrien abschiebt. Was haben die Türken auf einmal gegen die Syrer?

Die türkische Polizei durchkämmt Betriebe und Plätze auf der Suche nach Syrern, die nicht als Flüchtlinge in der jeweiligen Stadt registriert sind. Gegenüber Human Rights Watch gaben mehrere Syrer an, sie seien aufgegriffen und gezwungen worden, ein Papier über ihre freiwillige Rückkehr zu unterzeichnen. Dann habe man sie in Bussen über die Grenze gebracht. Vor allem in Istanbul leben viele Syrer, die nicht in der Metropole angemeldet sind. Mehrere Hundert von ihnen seien mittlerweile in die syrische Region Idlib zurückgeschickt worden, sagen syrische Aktivisten in der Türkei. Idlib aber wird von syrischen und russischen Kampfflugzeugen bombardiert, es herrscht Krieg.

Die harte Wende in der türkischen Flüchtlingspolitik hat vor allem einen Grund: die Wirtschaft. Sie schrumpft, während das Land unter 16 Prozent Inflation, hohen Zinsen und dramatischer Arbeitslosigkeit leidet. Längst ist die Depression im Alltag angekommen. Viele Türken finden, dass es nichts mehr an Flüchtlinge zu verteilen gibt. Eine Mehrheit hält wenig von der humanitären Pflicht, Syrer aufzunehmen. Und darauf reagieren jetzt die Politiker.

Sie machen sich zunutze, dass die Flüchtlinge in der Türkei nur zeitweilig als "Gäste" registriert sind, wie Präsident Erdoğan betont. Sein Innenminister sagt, dass die Türkei Syrern helfe, die freiwillig nach Syrien zurückgehen wollten, "in sichere Gebiete". Genau das aber ist Idlib, wo jetzt Flüchtlinge angekommen sind, nicht.

Doch solche Argumente dringen kaum noch durch. In der Türkei kippt die Stimmung. Im Fernsehen wird darüber gelästert, dass Syrer für den Urlaub in ihre Heimat zurückkehren und zum Arbeiten nach Istanbul kommen. Die säkular-kemalistische Opposition verstärkt diese Stimmung. Der im Juni gewählte Bürgermeister von Istanbul, Ekrem Imamoğlu, beklagt, dass die Syrer den Türken Arbeit wegnehmen würden. Die Abschiebung von Syrern aus Istanbul sei notwendig. "Wir müssen die Interessen unseres Volkes schützen", sagt der Held der türkischen Opposition.

Damit ergibt sich für die EU, die seit dem Flüchtlingsabkommen von 2016 mit der Türkei zusammenarbeitet, eine neue Lage. Die Türkei hört auf, ein sicheres Drittland zu sein, in das man bedenkenlos Flüchtlinge zurückschicken kann.