Noch vor fünf Jahren gehörte es zu den unumstößlichen Gewissheiten in der Öffentlichkeit, dass der Krieg in Syrien und im Irak nicht nur schwere Verwüstungen im kulturellen Erbe jener Länder hinterlassen hatte, sondern auch einen besonders widerwärtigen Wirtschaftszweig blühen ließ: den illegalen Handel mit geraubten Antiquitäten. Unzweifelhaft erschien, dass sich mithilfe dieses Handels Terrorgruppen finanzierten, welche die Sammler aus dem Westen mit Kunst aus trüben Quellen versorgten. Die Bundesrepublik, hieß es oft, gehöre zu den Hauptumschlagplätzen für diese Art von Geschäften, Kunsthandel und Auktionshäuser seien dabei willfährige oder ahnungslose Komplizen. Deshalb wurde hierzulande sogar das Kulturgutschutzgesetz verschärft. Doch nun zeigt eine Studie: Die Geschichte vom illegalen Kunsthandel in Deutschland stimmt wohl nicht.

Die Verdächtigungen kamen etwa von Sabine von Schorlemer, Vertreterin der Deutschen Unesco-Kommission und Inhaberin des Lehrstuhls für Internationale Beziehungen an der TU Dresden. Sie sagte damals: "Berichten zufolge ist Deutschland zu einem wichtigen Umschlaggebiet für den illegalen Handel mit geraubter Kunst geworden. Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Ächtung dieses Handels." Um dieses kriminologische Dunkelfeld auszuleuchten, nahm im April 2015 in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz das Forschungsprojekt Illicid seine Arbeit auf. Sein Ziel war es, Indizien für Handelspraktiken zu sammeln, die auf Verstöße gegen Aus-, Einfuhrregeln und Zollbestimmungen sowie auf Geldwäsche hinwiesen. Das Bundesbildungsministerium förderte das Projekt mit 1,2 Millionen Euro. Nun liegt der Abschlussbericht vor. Ergebnis: Die Wissenschaftler können keinen nennenswerten illicit trade, also keinen Markt für nahöstliche Raubantiken, in Deutschland nachweisen. Dass die Bundesrepublik ein "wichtiges Umschlaggebiet" für diese Art Waren ist, wie viele Kulturpolitiker damals behaupteten, darf als widerlegt gelten.

Laut Bericht wurden 386.500 antike Objekte aus dem östlichen Mittelmeerraum gesichtet, die im Untersuchungszeitraum zwischen Juli 2015 und Juni 2017 im Handel auftauchten. Davon wurden 6.133 als potenziell verdächtig identifiziert, 3.741 wurden in Deutschland veräußert. 2.387 Objekte stammten möglicherweise aus Syrien oder dem Irak. Die 6.133 verdächtigen Stücke erzielten insgesamt einen Verkaufserlös von 1.693.674 Euro. Die meisten wurden unter 1.000 Euro angeboten, zehn Prozent von ihnen sogar für Preise unter 100 Euro. Bei mehr als der Hälfte dieser Lose handelte es sich um Konvolute, also Massenware. Vier Fälle listet der Bericht auf, in denen ein irakisches, ein syrisches sowie zwei ägyptische Artefakte in Deutschland ersteigert und mit Gewinn in den USA beziehungsweise in Großbritannien weiterveräußert wurden. Dergleichen ist per se nicht illegal und kann Händlerglück genannt werden. Nur einmal wurde ein fünfstelliger Betrag erzielt. Das Fazit dazu: "Aus wissenschaftlicher Sicht ist ein Geldwäschepotenzial nicht auszuschließen, jedoch auch nicht zwangsläufig anzunehmen."

Mit anderen Worten: Weder quantitativ noch qualitativ ist der Handel mit vorderasiatischen Antiken in Deutschland rechtlich oder kulturpolitisch relevant. Es existiert kein Angebot an hochwertigen Objekten, und die Nachfrage bleibt generell gering. Selbstverständlich ist im Prinzip nicht auszuschließen, dass bedeutende Kunst aus Syrien geschmuggelt wird. Dann allerdings erfolgt das nicht systematisch, sondern im Rahmen krimineller Aktivitäten: Es sind Fälle für Interpol und den Zoll. Der Kunsthandel ist offensichtlich nicht beteiligt. Wahrscheinlicher ist, dass auf deutschen Auktionen jene Stücke kursieren, die seit Jahrzehnten in Europa gesammelt wurden. Die Wissenschaftler von Illicit sind im Übrigen der Ansicht, dass von den gesichteten vorderasiatischen Antiken überhaupt nur ein knappes Viertel echt sein dürfte.

Kulturpolitiker nutzten Illicit – bevor Ergebnisse vorlagen – auch als Begründung, um Regularien zu verschärfen. So wurde etwa die Einfuhr von Kunst aus Nicht-EU-Ländern strenger reguliert. Sammler und Händler stehen nun pauschal unter Verdacht. Und dem Sammelgebiet antiker Kunst, woher auch immer stammend, wird vom Markt keine große Zukunft mehr zugetraut. So hat sich der unbegründete Verdacht ausgewirkt. Die Wahrheit kommt zu spät.