Einmal wurde Jesper Juul von verzweifelten Betreuern in ein Heim gerufen. Sie sollten sich um Schulschwänzer kümmern, sie dazu bringen, wieder den Unterricht zu besuchen. Doch die Jugendlichen blieben im Bett – egal was die Betreuer machten. Die Situation eskalierte, viele der Erzieher wollten kündigen, die Heimleitung wusste nicht mehr weiter.

Jesper Juul verbrachte vier Tage in dem Heim. Er setzte sich mit den Erziehern zusammen und übte mit ihnen ein Gespräch ein, das diese auch mit den Jugendlichen führen sollten. Dessen Kernbotschaft lautete: "Nach dem Gesetz müsst ihr zur Schule gehen. Wir wissen, dass ihr dazu keine Lust habt. Ihr bekommt drei Wochen Zeit und könnt mit uns sprechen. Aber ihr entscheidet, ob ihr zur Schule gehen wollt oder nicht." Die Jugendlichen waren verdattert: "Was? Und wenn wir nicht gehen? Gibt es dann Konsequenzen?" – "Nein", sagten die Erzieher. Auch das war die Idee von Jesper Juul gewesen: Wenn die Jugendlichen nicht in den Unterricht wollten, dann mussten sie nicht.

"Die Betreuer sollten die Verantwortung für den Schulbesuch an die Jugendlichen zurückgeben", schrieb Jesper Juul später über seine Strategie. Sie ging tatsächlich auf. Die meisten Schüler standen morgens nun auf. Und auch den Betreuern ging es besser, sie sparten Zeit, Kraft und Nerven.

Kleine Sorgen, große Sorgen – Juul nahm sie alle ernst

Mit seinem Rat hat Jesper Juul nicht nur professionellen Erziehern zur Seite gestanden, sondern einer ganzen Generation von Müttern und Vätern, Pädagoginnen und Therapeuten. Tausenden hat er zugehört, sie haben ihm gemailt und seine Seminare besucht oder seine Gruppentherapien. Sie haben ihm von ihren Kindern erzählt, die abends keine Zähne putzen und sich morgens nicht die Schuhe anziehen wollten, die ihre Eltern beschimpften oder gar nicht mehr sprachen.

Kleine Sorgen, große Sorgen – Juul nahm jede einzelne ernst. Und zeigte dabei, dass sie oft wenig mit den Kindern zu tun haben, aber umso mehr mit den Erwachsenen.

Seine Thesen haben viele Eltern dazu gebracht, über ihre Beziehung zu ihren Töchtern und Söhnen nachzudenken. Über Erwartungen und Ernstnehmen. "Sehe ich mein Kind? Höre ich ihm zu?" Juuls Tipps, wie man Kinder stärkt, überraschen ("Tue nie Dinge für sie, die sie auch für sich selbst tun können") und provozieren ("Das Leben der Eltern rotiert absolut um die Kinder"). Probleme hatten in seinen Augen oft den gleichen Ursprung, ob es ums Fingernägelschneiden oder ums Lügen geht: Die Erwachsenen erkennen die soziale Kompetenz von Kindern und Jugendlichen nicht an.

Jesper Juuls Haltung passte damit in die Zeit. Nie wurden Kinder ernster genommen als heute. Seit 1990 legt die UN-Kinderrechtskonvention gewisse Standards zu ihrem Schutz fest. Zehn Jahre später ging die Bundesrepublik noch einen Schritt weiter. Seither ist es hierzulande verboten, seine Kinder zu schlagen. Dazwischen, im Jahr 1997, veröffentlichte Juul sein erstes Buch in Deutschland, Das kompetente Kind. Darin skizziert er seine Erziehungsvorstellungen. Etwa, dass man Kindern zuhören und sie verstehen, ihre Wünsche in den Entscheidungsprozess einbeziehen sollte. Es sind Vorschläge, die mittlerweile auch von anderen Fachleuten geteilt werden. In Elternschulen und bei Kinderärzten werden seine Bücher empfohlen, Was Familien trägt etwa oder Vom Gehorsam zur Verantwortung.

Die Elterngeneration, für die Jesper Juul seine Bücher schrieb, will weg von autoritärer Erziehung, ist an der freien Willensbildung ihrer Kinder interessiert. Immer wieder wies Juul selbst auf diesen Wandel hin. Gleichzeitig zeigte er, in welchen Widersprüchen diese Generation gefangen ist. Denn viele Erwachsene sind selbst dazu erzogen worden, sich anzupassen. Sie wissen nicht, wie man vermeidet, ein Kind nach den eigenen Vorstellungen zu formen, und ihm stattdessen hilft, eine selbstständige Persönlichkeit zu sein. Hinzu kommt, dass die Gegenwart selbst oftmals den elterlichen Idealen entgegensteht. Soll man dem eigenen Kind wirklich zu Eigensinnigkeit raten, wenn im späteren Leben, etwa im Job, vor allem Leistung erwartet wird?