Wut, Ohnmacht, Verzweiflung: All das steckt schon im ersten Satz von Wer braucht ein Herz, wenn es gebrochen werden kann, mit dem die 15-jährige Maureen Baker, genannt Mo, ihre Mutter aus der Lethargie zu reißen versucht: "WIESO HAST DU ihm erlaubt, dass er sich mein Essengeld nimmt?" Mo fragt ihre Mutter nicht in ruhigem Ton nach den fünf Pfund, die sie für die Schulkantine braucht. Sie brüllt, flucht, tritt und tobt – und setzt damit den Ton der Erzählung. Es wird viel gebrüllt in dieser Familie, in dieser Sozialwohnung, im gesamten Viertel, das Crongton heißt und von Politikern und Soziologen "sozialer Brennpunkt" genannt würde. "Ich hasste es, hier zu wohnen. Hasste es!", wird Mo kurz nach dem Streit mit ihrer Mutter sagen.

Mo kann ordentlich austeilen, muss aber auch eine Menge aushalten und einstecken. Auf der Straße bekriegen sich rivalisierende Gangs, und nicht einmal zu Hause ist sie sicher. Denn dort hockt der neue Freund der Mutter, "Knastarsch" Lloyd, der sich nicht nur das wenige Geld nimmt, sondern Mo bereits so heftig geschlagen hat, dass sie aus dem Bett gefallen ist. Und die Mutter stellt sich trotzdem nicht schützend vor ihr Kind.

Mos Mum, das versteht der Leser schnell, hat auch traumatische Dinge erlebt – und macht nun selbst so ziemlich alles falsch. Das wäre in seiner Tragik kaum auszuhalten, würde Autor Alex Wheatle seine Mo nicht mit einem unbändigen Zorn und großer Stärke ausstatten. Wenn die Mutter schon nicht für sie einsteht, muss sich die 15-Jährige eben selbst mit Lloyd anlegen. Auch nachdem sie erfährt, dass er eng mit dem Gangsterboss von North Crongton verbunden ist, hat sie keine Angst vor Lloyd. Mo verlässt die Mutter, schlüpft bei ihrer Freundin Elaine unter und zeigt Lloyd bei der Polizei an.

Wer braucht ein Herz, wenn es gebrochen werden kann ist nach Liccle Bit – Der Kleine aus Crongton und Die Ritter von Crongton das dritte Buch, das der britische Autor Alex Wheatle in diesem fiktiven Stadtteil spielen lässt. Mos Geschichte ist im Frühjahr 2019 als letzte erschienen, spielt aber zeitlich vor den beiden anderen Bänden. Jeder ist erzählerisch geschlossen: In Liccle Bit steht der 14-jährige Lemar, der kleine Bruder von Mos bester Freundin Elaine, im Fokus. Eigentlich will er nur das "heißeste Mädchen der Schule" für sich gewinnen, hält aber plötzlich eine Pistole in der Hand und steckt inmitten brutaler Gangkämpfe. In Die Ritter von Crongton geht es um Lemars besten Freund McKay, der sich nach dem Tod der Mutter zwischen Gerichtsvollziehern, seinem überarbeiteten Vater und seinem starrköpfigen großen Bruder behaupten muss – dabei kocht er eigentlich am liebsten.

Wie mit einem Scheinwerfer holt der Autor mal die eine Figur seines komplexen und großen Figuren-Ensembles ins Licht, während andere in den Schatten rücken. Das hält die drei Bücher zusammen, ebenso wie der erdachte Schauplatz: Crongton, ein Stadtteil, in dem viele Einwandererfamilien in ziemlicher Armut leben, das Problemviertel einer größeren, namenlosen Stadt. Wer es sich etwas konkreter vorstellen möchte, kann sich an London halten, wo auch Alex Wheatle lebt.

Aufgewachsen ist der Autor mit jamaikanischen Wurzeln in einem Kinderheim im ländlichen Süden Londons, später auf den Straßen von Brixton. Dort geriet er an Kriminelle, die sich um ihn kümmerten und für die er arbeitete. Bei den sogenannten Brixton Riots 1981 – Wheatle spricht lieber von "Brixton uprising" – wurde er verhaftet und später verurteilt. Im Gefängnis begann er zu lesen und zu lernen. Heute, mit Mitte 50, sagt er, das habe ihn gerettet.

Nach dem Gefängnis begann er zu schreiben – zunächst für Erwachsene, dann mit der Crongton-Reihe, deren erster Band 2015 in Großbritannien erschien, über und für genau solche Kids, wie er selbst eins war. Während einer Lesereise durch deutsche Literaturhäuser im April sagte Wheatle, er wolle den Blick auf jene lenken, die oft nicht sichtbar sind: junge Menschen, die sich durchkämpfen und trotz aller Widrigkeiten ihren Weg gehen. Und so steckt in Mo, McKay und Lemar immer auch seine eigene Geschichte – der kleine Lemar, sagt der Autor, ähnele ihm am meisten.