Lesend begleitet man diese jungen Helden nur wenige Tage in und durch Crongton und seine angrenzenden Viertel – auf Kreuzzügen, in ausweglos erscheinenden Konflikten und tieftraurigen Momenten. Es sind vielschichtige Leben und Figuren voller Ambivalenzen; eine fordernde Lektüre, bei der man sich vorm Mitfühlen kaum schützen kann. Zu wahrhaftig, bissig und rotzig – dank Conny Löschs grandioser Übersetzung! – treten einem die Figuren entgegen. Wheatle hat sie mit so viel Liebe, Humor und Sorgfalt gezeichnet, dass man trotz aller Gewalt am liebsten selbst einen Tag durch Crongton stiefeln würde, um nicht nur Mo, Lemar und McKay kennenzulernen, sondern auch all die spleenigen Freundinnen und Freunde wie Venetia, Boy aus den Bergen oder Elaine, ja sogar die überforderten, warmherzigen und schrägen Mums und Dads und Grannys.

Sie alle bilden ein starkes, vertrauensvolles Netz, ohne das auf den Straßen von Crongton niemand lange überleben würde. Sie geben einander Kraft, Zuversicht und – Liebe! Unter den Teenagern wird geschwärmt, geschmachtet, geknutscht und vor allem ausgelotet, wie unterschiedlich sein kann, was wer unter Liebe versteht. Wunderbar etwa die Szene, in der Mo, die in Sam verliebt ist, einer Freundin Beziehungsratschläge gibt: "'Lern ihn kennen', schlug ich vor. 'Find raus, wie er drauf ist. Hilf ihm, seine Träume zu verwirklichen. Halt zu ihm, wenn’s ihm dreckig geht. Seid füreinander da.' Während Sams Gesicht vor meinem geistigen Auge erschien, starrten Elaine und Naomi mich an, als hätte ich mongolische Lyrik zitiert. 'Ich denke nicht, dass sie Priesterin werden möchte', sagte Elaine."

Während Mos Mutter immer mit den falschen Typen ins Bett steigt, nähert sich die Tochter ganz zärtlich und behutsam Sam an, dem Nachbarsjungen, den sie von klein auf kennt. Doch dann geschieht das Furchtbare: Um Mo zu beschützen, geht Sam auf den Freund der Mutter los. Der verletzt den Jungen so schwer, dass er wochenlang ins Koma fällt. Zum ersten Mal spürt Mo in sich selbst den Wunsch nach blutiger Rache, diesem "Gang-Gesetz", das für so viele Überfälle, Schlägereien und Morde in ihrem Viertel verantwortlich ist. Über Freunde kommt Mo in Kontakt zu jungen Gangstern. Die sind cool und kumpelhaft – und in ihrer tiefen Trauer und Verletztheit gerät Mo hinein in diesen endlosen Strudel von Gewalt.

Alex Wheatle erzählt konsequent davon: Er schönt nichts, schont seine Figuren nicht und zeigt genau dadurch, was aus Gewalt erwächst und auch, wer die Verantwortung dafür trägt. Es sind eben nicht bloß die harten Kids, die mit Messern fuchteln oder im Vorbeifahren aus dem Autofenster einen Rivalen abknallen. Sie alle sind zugleich Kinder einer Gesellschaft, die sie im Stich gelassen hat: Wenn man als Jugendlicher ganz auf sich allein gestellt ist oder seinen Eltern nicht vertraut, wird man verletz- und manipulierbar – das weiß Alex Wheatle aus eigener Erfahrung.

So wie derzeit herausragende US-Jugendbuchautoren wie Angie Thomas und Jason Reynolds erzählt auch Wheatle davon, wie gefährlich es nicht nur für den Einzelnen werden kann, wenn junge Menschen ihren Weg ohne die Hilfe sorgender Erwachsener gehen müssen, sondern welche gesellschaftliche Sprengkraft darin liegt. Er schenkt weder Mo noch Lemar, noch McKay ein Happy End, doch er schaut mit einem warmen und versöhnlichen Blick auf sie und das Chaos ihrer Leben – etwas, was man auch all den Jugendlichen in den echten Crongtons dieser Welt wünscht.

 Alex Wheatle: Wer braucht ein Herz, wenn es gebrochen werden kann/Die Ritter von Crongton/Liccle Bit – Der Kleine aus Crongton. Deutsch von Conny Lösch; Kunstmann 2018/19; 280/256/256 S., je 18,– €; ab 14 Jahren