Ijoma Mangold: Lars, du bist ja so der edgy Gegenwartsbeobachter, da würde mich deine Meinung zu dem Spot interessieren. Mich hat er wirklich gekriegt. Wir sind natürlich seit zwanzig Jahren auch in der Werbung in einer ironischen Dauerschleife, aber das wird hier noch einmal auf die Spitze getrieben. Hast du ihn schon gesehen?

Lars Weisbrod: Ich dachte ja, irony is over. Aber vielleicht kannst du für den Leser erst mal schnell sagen, was in dem Spot überhaupt passiert.

Mangold: Man sieht den Fernsehkomiker Klaas Heufer-Umlauf vor so einer Currywurst-Bude mit einem Pappteller voller Pommes. Stil: grauer Kapuzenpulli, leger, total locker, halt auf der Höhe der Zeit. Er spricht in die Kamera, dass die Firma Porsche ihn für einen Werbespot gewinnen wollte, aber das habe er abgelehnt: "Sorry, das bin nicht ich." Dann hätten die aber gesagt, dass er dafür auch einen Porsche kriegen würde. Und dann setzt Klaas so eine Grimasse auf, wie man sie zieht, wenn man in einem schwierigen moralischen Konflikt die Argumente abwägt, und sagt im Tonfall schwerer Nachdenklichkeit: "Und das war dann der Moment, wo ich gesagt hab: Ach so. Und am Ende haben wir uns darauf geeinigt, dass ich, ähm, das Auto einfach habe, und das könnte man dann auch sehr authentisch filmen." Am Ende das Porsche-Logo. Mehr nicht, das Auto wird nicht gezeigt.

Weisbrod: Das Video ist tatsächlich sehr gut gearbeitet, zum Beispiel wenn die Bändel von Klaas’ Kapuzenpulli so richtig locker rumbaumeln, fast bis in die Currysoße rein.

Mangold: Ich finde das Video brillant, weil Ironie und Authentizität tatsächlich identisch sind. Der letzte Satz von Klaas lautet: "Im Prinzip habe ich das Auto, und das wär’s dann." Das ist von der Form her der superironische Gestus, mit dem man sich über die Mechanismen der Werbung und über sich selbst lustig macht, aber in Wahrheit ist es ja gar nicht ironisch, denn den Porsche bekommt er ja wirklich. Es ist ja alles genau so, wie der Spot es sagt: Der Porsche wird nicht gezeigt, aber Klaas bekommt ihn. Dieser Zahlungsakt zwischen Porsche und Klaas ist die absolut authentische Geste.

Weisbrod: Ijoma, ich würde den Spot gerne erst einmal kulturhistorisch einordnen. Tatsächlich hätte so ein Spiel mit den Ironie-Ebenen, den Layern, noch vor fünf Jahren nicht funktioniert, das war einfach nicht "gelernt". Dazu musste dem deutschen Zuschauer erst ein angelsächsisches Genre der Comedy vertraut gemacht werden: Serien, in denen Komiker sich selbst spielen – als irgendwie authentische, aber völlig zynische und korrupte Varianten ihrer selbst. In Deutschland hat das unter anderem Christian Ulmen mit seiner Serie Jerks populär gemacht. Man sieht ihn da zum Beispiel bei Dreharbeiten zu einem Film, der total doof ist und auf den er überhaupt keine Lust hat, aber er ist zu feige und zu gierig, die Rolle auszuschlagen. In Jerks spielt sich auch Klaas selbst, das klingt dann genau wie in diesem Porsche-Spot. Ulmen war aber der Erste, der so Werbung gemacht hat. Die Telekom hat Spots im Jerks-Stil mit ihm gedreht, kleine Szenen, in denen er als egoistischer Trottel vor sich hinplappert.

Mangold: Ich entdecke was im Netz und denke: Wow, ist das cutting-edge, und dann kommst du um die Ecke und sagst: Das ist der fünfte Aufguss! Man kann dem Historismus eben nicht entkommen. Habe mir jetzt schnell einen dieser Telekom-Spots mit Ulmen angeschaut. Klar, da kommt das her – ist aber eigentlich ziemlich konventionell und kommt auch nicht raus aus dem Dilemma, dass die Selbstparodie als liebenswürdiger Dussel mit Hang zur Doppelmoral tatsächlich die ultimative Selbstfeier ist. Man muss schon ein Star sein, um sich Selbstironie leisten zu können. Genauer: um die eigene Selbstironie gewinnbringend zu bewirtschaften. Doppelmoral hab ich auch – nur weiß ich leider nicht, wie ich sie zu Geld machen kann.

Weisbrod: Problematisch ist, dass man mit Geld jeden schönen Trend totschlagen kann. Ich liebe Jerks, aber wenn jetzt Agentur-Dudes mit bunten Airmax-Schuhen das als Konzept jedem dahergelaufenen deutschen Dax-Konzern andrehen, wo man auch mal marketingmäßig was Gewagtes machen will, dann ist die Nummer bald tot.