Die Aktivistinnen von "Fridays for Future" (FFF) sagen, der Klimawandel könnte zur größten Katastrophe in der Geschichte der Menschheit werden. Darüber kann man streiten. Fest steht, dass es eine Katastrophe ist. Und fest steht auch, dass es sich um eine Krise ganz neuer Art handelt.

So ist sie zwar menschengemacht, aber es gibt keinen Feind, keinen Verursacher mit Namen und Adresse – oder wenn doch, dann erblicken wir ihn jeden Morgen im Spiegel. Es gibt auch keine unterdrückte soziale Klasse, die Opfer dieser Entwicklung wäre – oder wenn doch, dann sind es die Jungen, die von den Folgen der Erderhitzung ungleich stärker betroffen sein werden.

Dass der Planet in der Klimakrise steckt, ist nicht einfach ein Thema, das 13. Ministerium sozusagen. Denn ein Planet ist nun mal Voraussetzung für alles, auch für die Wirtschaft, die wir so heiligen. Politik muss hier also mit etwas umgehen, was sie bisher kaum kannte: Zwar können alle Maßnahmen gegen die Klimakrise demokratisch verhandelt werden, nur mit der Natur selbst lässt sich nicht schachern. Nicht verhandelbare physikalische Realität – von so etwas bekommt die Demokratie Pickel. Hilft aber nichts.

Die CDU-Vorsitzende nimmt Reißaus vor einer gigantischen Aufgabe

Weil die Klimakrise ein Menschheitsproblem eigener Art darstellt, fällt es Politik und Öffentlichkeit so schwer, mit ihr umzugehen. Darum kam, mit Blick auf Deutschland, der Anstoß zu einer leidlich problemadäquaten Debatte nicht aus dem politischen System – auch nicht von den Grünen. Der Druck, der jetzt spürbar ist, entfaltete sich nicht in der medialen Öffentlichkeit. Die geht immer noch recht routiniert mit der Situation um, ganz so, als wären die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels und die Steigerung der Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent des Haushalts ähnlich relevante Ziele.

Nein, der Anstoß zum Klimarealismus entstand außerhalb des Establishments, bei den Hunderttausenden Jugendlichen und einem wütenden Influencer. Und nun beharren diese jungen Leute nicht mehr nur auf ihrem Recht zu streiken, nein, sie fordern die gesamte Gesellschaft auf, ebenfalls zu streiken. Und zwar am 20. September, weil dann in New York ein UN-Klimagipfel stattfindet. Wieder so eine fast letzte Chance, während in Berlin das Klimakabinett darüber entscheidet, ob Deutschland seine Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen doch noch einhält. Und wenn ja: wie.

Nun könnte man einwenden, wozu streiken, Politik und Öffentlichkeit sind aufgewacht, nie zuvor gab es so viele Bekenntnisse zur Klimawende, die Sache läuft. Doch die FFFler sind gebrannte Kinder. Als sie das Licht der politischen Welt erblickten, wurde bereits viel übers Klima geredet, der Himmel füllte sich mit guten Worten – und mit CO₂. Misstrauen ist also angezeigt.

Denn noch immer steht seitens der CDU – jener Partei, auf die es vor allem ankommt – hinter jedem Bekenntnis zur Klimawende mindestens ein Aber, meist mehrere. Und warum eine Verfechterin des agrarindustriellen Raubbaus an Natur und Klima wie Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner plötzlich eine 180-Grad-Wende hinlegen sollte, erschließt sich nicht. Währenddessen flieht die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer ins konventionelle Verteidigungsministerium, nimmt also Reißaus vor ihrer gigantischen Aufgabe: der Partei der Mitte, des Maßes und des Minimalkonsenses eine Art Revolution abzuverlangen, eine fundamentale Wende. Und die SPD? Lenkt sich wieder mit ihrem Vorsitzenden-Spiel ab, diesmal in der Disco-Fassung.

Es stimmt, die öffentliche Debatte über das Klima hat an Volumen zugenommen, allerdings wird ausufernd über Nebenfragen diskutiert: ob Klimaschützer selbst konsequent leben, ob sie angreifbar sind. Darin liegt die Hoffnung, durch Widerlegung der Klimaschützer den Handlungsdruck zu lindern. Das ist leider nicht der Fall.

Aber das Soziale. Aber die AfD. Aber die Wirtschaft. Aber die fliegenden Klimaschützer – die Abers sind der Schutzwall gegen eine Veränderung, die rhetorisch so bereitwillig begrüßt wird. Ob da ein Streik das Mittel der Wahl ist, sei dahingestellt, doch eines ist klar: Die Schlacht um eine realistische 1,5-Grad-Politik ist nicht geschlagen, sie hat noch nicht einmal begonnen. Entscheidend ist nicht, ob ökonomische und soziale Aspekte miteinbezogen werden sollen, natürlich sollen sie das. Entscheidend ist, was vor der Klammer steht: die 1,5 Grad oder das Aber.